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III. Teil: Lehr- und Fastenbrief

Praktische Nutzanwendung zu „Kranke Menschen“

und „Lebensfragen“

von

Arnold Ehret

Vorwort.

Arnold Ehret, der sich durch seine in vielen Auflagen erschienenen Schriften „Kranke Menschen“ und „Lebensfragen“ eine große und begeisterte Gemeinde geschaffen, die dem Lebenskünstler auf dem Gebiete der Heildiät unausprechlichen Dank und unvergängliche Verehrung zollt, ist nach einer uns zugegangen erschütternden Nachricht, die bis jetzt leider nicht widerlegt wurde, in fernen Landen das Opfer eines tückischen Unfalls geworden.

Da ist es unsere Pflicht, seinen vielen Leserinnen und Lesern in dem vorliegenden „Lehrbrief“, den Ehret nur bei seinen persönlichen Kurunterweisungen benutzte, ein Vermächtnis des unvergesslichen Toten zu übergeben.

Wie Ehret die Wissenschaft nicht prinzipiell bekämpfte, so war er auch ein Feind jeder Kurpfuscherei und in diesem Sinne warnt er in der Schrift seine Anhänger auch eindringlich vor allen unüberlegten Wagnissen in der praktischen Selbstanwendung von Fasten, Kuren und schleimloser Diät. Die Lehre verlangt denkende Menschen, die diese hier geoffenbarten intimsten Weisheiten an sich ohne Risiko zu erproben verstehen.

Ehret selbst sagt über die Schrift: „Vorliegende Arbeit, die den Extrakt meines Wissens und das Resultat meines 14-jährigen theoretischen und praktischen Studiums enthält, bitte ich dementsprechend behandeln und würdigen zu wollen.“

Dem Leser mit offenen Augen, der dem Ziele der Gesundwerdung mit Bedacht und ohne Fanatismus zustrebt, bietet sich hier eine reiche Fundgrube für die Auferstehung aus leiblichem Elend zu neuem, verjüngtem Leben.

Über das Ableben Ehrets, des unermüdlichen Forschers und Begründers seiner originellen Lebens- und Diätreform, werden von gewisser Seite Gerüchte verbreitet, als ob Ehrets Tod mit seiner Lebensweise zusammenhinge. Die Gerüchte sind in das Gebiet böswilliger Erfindungen zu verweisen.

Ehret kam, von einem seiner Vorträge mit Freunden heimkehrend, schwer zu Fall und ist, ohne Bewusstsein wieder erlangt zu haben, an einem Schädelbruch gestorben.

Er ist leider tot, aber seine Idee lebt weiter. Dass im Sinne Ehrets gelebt und gekurt wird, beweisen seine unzähligen Anhänger, beweisen bereits bestehende Ehret-Kuranstalten, so das Sanatorium Lehmrade bei Mölln in Lauenburg.

Um eine Kur mit Fasten und schleimloser Diät zu Heil- und Regenerationszwecken erfolgreich durchzuführen, sind folgende allgemeine Regeln und Tatsachen zu beachten:

Das oberste Gesetz der Ernährungstherapie ist die unbedingte Erkenntnis, dass nur das Obst allein, die Nüsse eingeschlossen, die biologische Urnahrung des Menschen war und heute noch ebenso unfehlbar sein muss. Wer diese Wahrheit nicht erkennt, oder nur bezweifelt, kann nie und nimmermehr zur vollen Gesundheit gelangen. Alle Zweifler an dieser Wahrheit, selbst maßgebende Führer im vegetarischen Lager, sind sich gar nicht bewusst, was sie mit der Nichtanerkennung dieses Gesetzes behaupten. Es wird ihnen gar nicht klar, dass sie die Ansicht aufstellen, der Mensch könne mit Feuer und Zubereitung etwas Besseres, etwas Vollkommeneres, etwas Nahrhafteres, etwas Gesünderes und Wohlschmeckenderes zustande bringen, als die Natur selbst, als Gott, wenn man sich auf die Bibel beziehen will. Das heißt doch auf Deutsch: klüger sein wollen als das Naturgesetz selbst.

Wenn Sie Ihre Kur beginnen, so halten Sie sich in Stunden der Depression, des Zweifels und der Müdigkeit, und namentlich bei Wärmemangel, Herzbeklemmung usw. immer wieder vor Augen, dass es nicht das Fasten, nicht der Mangel an genügender Nahrung, auch nicht das vorgeschützte Fehlen der energetischen Kraft des Obstes ist, was diesen Zustand erzeugt, sondern es ist das „totgekochte“ Zellenmaterial pflanzlichen und tierischen Ursprungs, der „Schleim“, der sich als Rückstand hauptsächlich im Magen und Darm ein Leben lang angesammelt hat, und jetzt erst, durch die lebendige Nahrung, das Obst, oder durch Fasten mobil gemacht, in Bewegung kommt, verdrängt wird, und – wie Sie dann mit eigenen Sinnen wahrnehmen können – unter Äußerung von Gestank den Körper verlässt. Diese „Wiederaufnahme“ der verfaulten Rückstände in den ganzen Körper, dieses Auflösen selbst der ältesten, latenten pathologischen Herde, diese „Rückvergiftung“, wie sie Professor Dr. Jäger genannt hat, ist die verhängnisvolle Klippe, an der alle Kranken, die „Ehretisten“ werden wollen, immer und immer wieder scheitern. Man ermüdet und friert nicht deshalb, weil man aufhört zu essen, nicht weil man statt Fleisch oder Kartoffeln nur Obst isst, sondern allein und nur deshalb, weil man in beiden Fällen die giftigen Schleimsubstanzen ins Blut aufnimmt, die, bis sie ausgeschieden, die Krisis, das heißt Ermüdung, Kälte oder das Fieber verursachen. Wäre dies nicht richtig, und würde die Ermüdung beim Fasten stetig zunehmen, so wäre es nicht möglich, dass man am 18. Tage 20 Klm. marschiert, während am 13. Tage die Ermüdung viel größer sein kann. Aus diesem Grunde allein war es mir möglich, 49 Tage nur von Luft und Wasser zu leben (Köln 1909), weil ich infolge meiner vorausgegangenen Diät keinen, oder doch nur wenig Schleim (Selbstgifte) durch Herz und Gehirn zu jagen, das heißt zu verdauen oder auszuscheiden hatte.

Sie müssen in den kritischen Zeiten, den sogenannten Krisen, mit der ganzen Kraft Ihres Willens die Zweifel zu zerstreuen suchen, die Ihnen eben durch die bezeichnete Vergiftung des Blutes aufsteigen werden. Nach jeder Krisis und nachdem der Blutstrom wieder einen Teil des Schleimes aufgelöst hat, erscheint gewöhnlich am andern Tage dieser jetzt im Blute verbrannte Schleim im Urin, im Kot, oder er tritt durch andere Öffnungen des Körpers aus, namentlich wenn dieselben, wie das Ohr, die Nase, oder das Auge, besonders mit Krankheitsherden behaftet, das heißt mit Schleim durchsetzt sind. Sobald sich also das Blut dieser toten giftigen Substanzen entledigt hat, sobald diese vom Körper ausgeschieden sind, schnellt auch die Kurve des Befindens sofort wieder in die Höhe, und man muss gewöhnlich über sich selbst lächeln, wie man tags zuvor, als eben das Blut noch „rückvergiftet“ war, so misstrauisch sein konnte. Jetzt wird es auch klar, warum der Fleischesser und Vielfraß, der sich täglich mit Tierleichen und Schleimnahrung vollstopft, so berechtigte Angst vor dem Fasten und keinen Glauben an das Obst hat, das für ihn freilich auch verhängnisvoll werden kann, wenn nicht planmäßig vorgegangen wird. Es ist doch einleuchtend, dass es nicht nur ein Umweg ist, den für den Körper so wichtigen Traubenzucker aus Stärkemehl „herauszuverdauen“, sondern noch obendrein den Körper mit Unrat, „Schleim“ und unnötigem Energieverbrauch zu belasten! Alle Stärkemehlnahrung muss unter Zurücklassung von Schleim in Traubenzucker verwandelt werden!

Das Wichtigste, womit Ihnen wirklich genützt wird, ist der Vorschlag einer gewissen Taktik, eine Unterweisung, eine Belehrung, wie Sie selbst nach Maßgabe Ihres Befindens und unter Anpassung an Ihre Verhältnisse (Beruf, Jahreszeit, Umgebung etc.) Ihre Kur ausführen können. Ich habe die größte Erfahrung darüber, was Fasten, Obstdiät und die „schleimlose Diät“ bedeuten. Letztere ist eine entsprechend kombinierte Ernährungsweise, wobei Obst immer die Hauptsache bleibt und Gemüse nur zum Zwecke der Reinigung, Auflösung und Entschleimung, je nach dem betreffenden Leiden hinzugenommen wird. Unter schleimlosen Gemüsen und Nahrungsmitteln sind alle diejenigen zu verstehen, die nicht von Stärkemehl herstammen. Mehlspeisen in jeder Form, Brot, Kartoffeln, Reis, Mais, Polenta, Gries und selbstverständlich Fleisch und Eier sind „Schleimbildner“. Man will von angeblich maßgebender Seite diese Grundursachen aller Krankheiten immer noch nicht zugeben, denn man scheut vor der Gewalt der Tatsachen zurück. Diese sogenannte Schleimtheorie ist eben keine Theorie, sondern eine Erfahrungstatsache. Wem es wirklich um die Wahrheit zu tun ist, der prüfe meine Behauptungen durch das Experiment selbst nach. In der Natur, das hat Goethe schon erkannt, sind die letzten und tiefsten Geheimnisse verhältnismäßig klar und einfach, aber nur für denjenigen erkenntlich „fühlbar“, der eben keinen zu „verlehrten“ Verstand hat (wenn Ihr’s nicht fühlt, Ihr werdet’s nie erfassen!). Derselbe große Geist Goethe hat auch den für uns so wichtigen Ausspruch getan: „Die Kunst ist die beste Auslegerin der Natur“. Das heißt, die Natur offenbart direkt durch Form und Farbe den Sinn, den Geist eines physiologischen Vorganges beim tierischen Organismus äußerlich sichtbar (siehe meine Haarbroschüre). Wenn Sie also durch Fasten oder schleimlose Diät sich selbst kränker machen, so rufen Sie sich dieses Wort Goethes immer wieder ins Gedächtnis, dass Sie bei dem Entgiftungsprozess blass, schlecht, krank und älter aussehen. Die Natur sagt jetzt Ihrer Umgebung, Ihnen selbst, wenn Sie in den Spiegel sehen: dieser Mensch wird jetzt gereinigt, er wird jetzt entschleimt, er ist jetzt krank, um nachher umso besser, umso schöner, umso frischer und jugendlicher auszusehen, und umso gesünder zu sein. Ich hoffe, dass Sie nun das Wort Goethes, auf den Krankheitsvorgang, das heißt auf den Prozess des Gesundwerdens angewendet, verstehen.

Wenn man Stärkemehlsubstanzen, also Mehl, lange genug „totkocht“, auch Kartoffeln oder Reis, so entsteht daraus Kleister. Ein ähnliches Produkt zum Verkleben, Leim genannt, ergibt sich bei längerem Auskochen des Fleisches. Wenn nun auch diese von mir so angeklagten Nahrungsmittel vor dem Genusse gewöhnlich noch nicht zu Schleim verkocht werden, so müssen sie bekanntlich durch den Kochprozess der Verdauung soweit zerlegt werden (chemisch), dass nur das wirklich Nützliche und Wertvolle ins Blut geht, nämlich der Traubenzucker, während der Rückstand, das ist Kleister oder verfaultes Fleisch Magen und Darm verunreinigen, verkleben. Man vergegenwärtige sich doch endlich einmal vorurteilsfrei den Zustand eines Magens und eines 10 Meter langen Darmes, durch den der Organismus ein Leben lang diese Unmassen schleimiger Nahrung hindurchdrücken musste, wodurch der Verdauungskanal und besonders die vielen Drüsen desselben, Assimilitationsorgane genannt, verstopft wurden. Man koche doch Obst tagelang, und dann soll man mir beweisen, dass aus dem Rückstand Kleister, Leim oder Schleim entsteht. Ebenso wenig ergibt sich durch längeres Kochen ein schleimiger Rückstand aus denjenigen Gemüsen, welche zur schleimlosen, aber nach dem strenge anzulegenden Maßstab noch nicht zur natürlichen Nahrung gehören, sondern nur als Mittel, manchmal sogar als „Bremsmittel“ während der Kur benützt werden, worüber Sie im Kapitel „Schleimlose Gerichte“ näheres finden.

Für die richtige Durchführung einer Kur empfiehlt es sich, zunächst mit einem kürzeren Fasten von 2 bis 3 Tagen zu beginnen. Am besten bei steigendem Barometer, und bei Frauen nicht kurz vor Eintritt der Periode. Vor Beginn ist der Darm mit einem Abführmittel, (Sennesblätter, Faulbaumrinde oder ähnlichem) zu reinigen; nachher ist außerdem noch ein Klistier von Vorteil. Während des Fastens ist nur Wasser oder besser Zitronenwasser, lau oder heiß, zu nehmen, täglich ½ bis 1 Liter schluckweise, je nach Bedarf (gewöhnlich auf 1 Liter Wasser den Saft von 4 bis 6 Zitronen, ein kleines Schnittchen Zitronenrinde und etwas Zucker nach Geschmack).

Die ersten Tage sind die schlimmsten. Der vermeintliche auftretende Heißhunger ist nur Esslust, die nach dem 3. oder 4. Tage verschwindet, wobei sich die Zunge mit einem übelriechenden Schleim belegt. Ebenso erscheint dieser Schleim auch bald im Urin. Es empfiehlt sich besonders, den Morgenurin in einem Glase erkalten zu lassen, um sich „ad occulus“ von der Wahrheit über das Vorhandensein von Schleim bei allen Kulturmenschen und besonders bei allen Kranken zu überzeugen.

Wenn Müdigkeit und Depression eintritt, so nehmen Sie einen Schluck Zitronenwasser, das Sie als Tagesquantum an einem dunkeln, kühlen Ort zugedeckt aufbewahren. Die Gelegenheit essen zu sehen, ist möglichst zu vermeiden, stattdessen legt man sich hin, macht einige tiefe Atemzüge, versucht alle Gedanken zu verscheuchen, schließt die Augen (Zimmer wenn möglich dunkel), und wenn man auch nicht ganz einschläft, nur zum Halbschlummer kommt, so wird man oft schon nach wenigen Minuten wieder ganz munter sein, und die Wahrheit des französischen Sprichwortes erleben: „Oui dort, dîne!“

Das Erheben aus horizontaler Lage hat langsam zu geschehen, da während des Fastens leicht, aber nur momentan Schwindel entsteht, der aber durchaus nicht gefährlich wird.

Im Allgemeinen sind fast alle Faster, außer ganz schwer Kranken, von der Leichtigkeit der Durchführung überrascht. Die meisten fühlen sich nach dem 3. und 4. Tag körperlich und namentlich geistig frischer und leistungsfähiger. Das ist unglaublich, bis man es erlebt hat!

Wichtig ist nach dem ersten kleinen Fastenversuch die erste Mahlzeit: am besten süße Früchte, z. B. im Winter 12 Stunden vorher eingeweichte Dörrzwetschgen, damit reinigende Abfuhr entsteht. Jedoch muss hier sehr individualisiert werden, da bei stark Verschleimten mit zu süßen Früchten Beschwerden und sogar Gefahr eintreten können. Der kleine Fastenversuch, seine Beschwerden und namentlich die Schleimabsonderung geben den experimentellen Maßstab über den Grad Ihrer Gesamtbelastung. Danach können Sie beurteilen, ob ein längeres Fasten angezeigt ist oder nicht. Sind in der kurzen Zeit schon Herzbeschwerden eingetreten, so ist zu weiterem Fasten nicht zu raten, und je nach Fall Obst- oder Gemüsediät, oder beides kombiniert, zu empfehlen.

Im Falle großer Medizinvergiftung (namentlich durch Quecksilber, Digitalis, etc.) ist zunächst schleimlose Diät, Gemüse und „Schleimfeger“ mit wenig Stärkemehl als Übergang vorteilhafter. Dabei muss ich wiederholt betonen, dass ich Gemüse nicht zur natürlichen Nahrung zähle, ich benütze dieselben nur als „Mittel“, und damit der Angriff durch eine Rückvergiftung auf den Körper nach dem Fasten nicht zu groß wird und auch als Übergang vom üppigen Fleischtisch zu meiner Diät.

Besonders nach dem Fasten ist das Befinden bei Obstdiät im Anfang gewöhnlich schlimmer, als beim Fasten selbst, weil diese vollkommenste Nahrung erst recht auflöst und entschleimt, und man dadurch wieder „rückvergiftet“ wird. Über diese größte Klippe sind bis jetzt fast alle Rohköstler nicht hinweggekommen. Man hat hier wieder irrtümlich den Schluss gezogen, und dieser Wahn beherrscht noch fast die ganze Menschheit und die meisten Vegetarier, das Obst ernähre nicht genügend, und man greift dann wieder zu Gemüse oder gar zu Fleisch, um sich vollkommen zu „ernähren“. Also lassen Sie sich nicht beirren, und nehmen Sie Gemüse nur im bezeichneten Sinne als „Mittel“. Oft empfiehlt es sich bei Verstimmung durch Obstdiät, einen Fasttag einzulegen, statt nach alten Reiz- und Nährmitteln, von Menschenhand gemacht, zu greifen. Gegen die Produkte der „unfehlbaren Sonnenküche“, das Obst, müssen doch alle „auflösenden und aufbauenden Kochrezepte“ oder Gemüse für „positiv und negativ elektrische Naturen“ und derlei „mystisches und künstliches Gemach“ minderwertig sein.

Ein starkes Sehnen entsteht zeitweise bei strenger Obstdiät nach Mehlspeisen etc., wodurch fast alle Anfänger wieder irre werden. Auch diese Gier ist nur vorübergehend, dauert nur solange, bis die jetzt vom Schleim entblößte Magenhaut „verheilt“ ist.

Halten Sie sich bei der Auswahl der Qualität des Obstes an die Winke Ihres Riechorganes, die Nase. Diese, und die Zunge erst recht, sagen Ihnen, durch Fasten auffallend verschärft, viel Genaueres über die „nötigen Nährsalze“ als alle Rechnungen der modernsten Physiologen. Was gut duftet, ist vollkommene Nahrung und gesund. Machen Sie die Gegenprobe, riechen Sie und schmecken Sie an allen künstlichen Nahrungsmitteln. Auch die Quantität, das Wieviel der Mahlzeit ergibt sich nach dem Fasten nur bei Obst von selbst durch eine bestimmte Sättigungsgrenze, die vor dem Fasten meistens nicht bestimmbar und erkennbar war.

Auch der Schlaf ist bei Obstnahrung im Anfang schlechter, und nicht selten träumt man von Toten, weil jetzt „verfaultes, totes Fleisch“ (Eiter und Schleim) aufgelöst wird. Das zu wissen ist sehr wichtig, damit man sich nicht ängstigt. Diese beunruhigenden Träume treten gewöhnlich erst gegen Morgen auf, nachdem man vorher schon einmal erwacht war; es empfiehlt sich daher, beim ersten Erwachen aufzustehen, wenn es nicht zu früh an der Zeit ist, weil man sonst nach dem „Traumschlaf“ müder ist, als nach dem ersten Schlaf. Daher kommt die Schwäche und chronische Energielosigkeit der Langschläfer.

Eine der größten und allgemeinsten Klagen aller Faster und ausschließlichen Obstesser ist der Wärmemangel, den man wieder auf das Konto der Eiweiß- und Fettarmut des Obstes setzt. Ganz wo anders ist der Grund zu suchen. Jetzt sind Sie „künstlich“ krank und müssen Leichenschleim verdauen, der die Lebensflamme natürlich herabsetzt. Hier heißt es eben künstlich durch Kleidung, Wärmflasche, etc. zu helfen, so lange man im Prozess der Reinigung steht. Schon gute Luft allein heizt beim gesunden Menschen mehr, als die ganze Kulturküche und der Alkohol. Warum friert denn z. B. ein Reh nicht bei 20 Grad unter Null? Kälte, Herzbeschwerden, etc. alles ist Schleimverstopfung der kleinen Blutgefäße, solange entschleimt wird. Genau so wie die Kraftkurve beim Fasten verläuft, so bewegt sich die Kurve der Wärmegrade des Blutes. Diese kann am 5. oder 6. Tage unter 37 Grad sein, während man am 13. oder 14. Tage oder später sogar Fieber beobachtet hat. Sicher ist, dass man es nach der Entschleimung mit Luft allein wärmer haben kann, als mit dem besten Essen. Das ist das Unglaubliche. Nun müssen Sie vor allem bedenken, dass Ihre neue Diät vorerst eine Heildiät sein muss, die Sie angreift, die Sie entschleimt, und bei der Sie selbstverständlich an Gewicht abnehmen.

Wichtig ist die Frage, wie oben schon erwähnt, in welchem Tempo der Kranke zur schleimlosen Diät, beziehungsweise zum Fasten übergehen kann? Hier ist eine eingehende Berücksichtigung des Leidens, Alters, Geschlechtes usw. dringlich notwendig.10

Über die Art und Zusammensetzung der schleimlosen und natürlichen Diät sind folgende allgemeine Gesichtspunkte zu beachten. Die Bevorzugung einzelner Speisen richtet sich nach der Art des Leidens und kann nur mit Bedacht und von Fall zu Fall entschieden werden. In ganz schwierigen Fällen ist ein fastenkundiger Arzt zu Rate zu ziehen.

Das Schlimmste und Verhängnisvollste aller Kulturesserei ist das „Gemischte“, das „zuviel durcheinander“, das Diner. Diese Mischung, diese Kombinationen, diese reichlichen Zusammensetzungen sind an dem bisherigen vegetarischen Tisch ebenso schlimm geworden, als das Diner der Fleischesser mit den bekannten obligaten Gängen. Diese raffinierte Kochkunst in beiden Lagern hat nur den alleinigen Zweck, immer noch ohne Appetit essen zu lassen, was kein Tier tut, nicht einmal das Schwein. Man bringe ein vegetarisches Diner, alles das, was ein Mensch in einer halben Stunde in sich hineinstopft, in einen Topf, erhitze das Ganze noch etwas weiter, der Verdauung entsprechend, und man überzeuge sich dann mit Augen und Nase, was für eine abscheuliche „Mischung“ entstanden ist. Damit glaubt man sich gut ernährt zu haben und man wundert sich, wenn die „physiologische Maschine“, Magen und Darm, nicht mehr funktionieren will, oder gar droht stillzustehen. Wenn dieses „Gemisch“ besonders viel Schleimnahrung enthält, so wird es sich im weiteren Verlauf des Zersetzungsprozesses nicht wesentlich von der entsprechenden Probe eines „gut bürgerlichen Tisches“ unterscheiden. Selbst alle Obstesser haben bis jetzt den Fehler gemacht, dass sie zu gemischt speisen. Das war neben dem „Zuviel“ das Schlimmste und Verhängnisvollste aller Kulturfrugivoren, besonders aber dann, wenn mit der „Diät“ ein Heilzweck verfolgt wird. In diesem Punkt ist die Anweisung der Natur ebenso maßgebend, wie in allen anderen. Streng genommen sollte man jeweils wochenlang nur allein eine einzige Sorte Obst genießen, die Frucht der Saison.

Haben Sie schon genauer darüber nachgedacht, dass eine Kuh durchschnittlich 10 Liter Milch gibt pro Tag, mit Fett-, Eiweiß- und Muskelansatz und dabei noch den Pflug zieht, wobei ihre Nahrung jahraus, jahrein in der Hauptsache nur aus Wasser und Heu besteht? Steckt das alles im Heu? Glauben Sie nicht mehr an den wissenschaftlichen Irrtum, dass aus Fleisch Fleisch und aus Fett Fett entsteht! Das Leben besteht aus chemischer Umwandlung; der natürliche Traubenzucker des Obstes ist die höchste und beste Quelle für Muskelbildung, Kraft und Wärme. „Süß“ ist der Inbegriff von Gesundheit und Lebensglück! Die Eiweißtheorie ist die verhängnisvollste Irrlehre aller Zeiten für das ganze Menschengeschlecht.

Je kühler die Witterung, desto trockener, saftloser und süßer soll die Obstnahrung sein. Also im Winter mehr Südfrüchte und auch Nüsse und Äpfel; im Sommer saftigeres Obst, die Früchte der Saison. Im Frühjahr, wenn bei uns Mangel eintritt, hauptsächlich Orangen. Vor allem aber ist zu beachten, falls noch Gemüse genommen werden, dass Obst und Gemüse niemals zusammen gegessen werden sollen; das heißt also, wenn Sie Obst essen, dann soll nie zu gleicher Zeit weder Brot noch Gemüse hinzugefügt werden, und sobald Sie Gemüse essen, dann kein Obst, höchstens etwas Brot dazu. Das letztere soll unter keinen Umständen zu frischem Obst gegessen werden, höchstens mit Nüssen oder Nussbutter, also für sich allein als eine Mahlzeit. Brot zu frischem Obst und Südfrüchten erzeugt stets Gärungen, an denen fast alle Vegetarier leiden. Ich empfehle, Nüsse nur in kleinen Mengen und stets mit süßen Früchten, Südfrüchten, Feigen, Datteln, Rosinen, Gelee, Konfitüre, Honig oder ähnlichem gleichzeitig zusammen zu kauen. Durch den natürlichen Traubenzucker wird die Verdaulichkeit der Nüsse beim Zusammenkauen erhöht, das ist sehr wichtig. Ein erwachsener Mensch braucht kaum ein halbes Pfund Nüsse pro Tag und nur im Winter. Wallnüsse oder Mandeln sind das Beste, Haselnüsse müssen wie die Mandeln durch Einweichen oder durch etwas Rösten erst von der Hülse entledigt werden.

Lassen Sie sich beim Reinigungsprozess (Entschleimung) mit der Zeitrechnung nicht beirren und bedenken Sie stets, wenn es etwas lange dauert, dass Sie wie die Vorfahren, ein Leben lang unnatürlich und zuviel gegessen haben. Bedenken Sie stets das Sprichwort, in dem so viel wörtlicher Sinn liegt: „Die Zeit heilt alle Wunden“, Chronos, die oberste aller griechischen Gottheiten, ist das Allmächtige allen Geschehens. Zeit und Geduld, abwarten und sonst gar nichts tun, nicht einmal essen, ist in vielen Fällen heilkräftiger als alle Pfuscherei.

Sehr wichtig ist, auf das Barometer zu achten; sobald dies sinkt, der Luftdruck geringer wird, also schlechtes Wetter und im Sommer Gewitter im Anzuge sind, tritt bei jedem chronisch Kranken Verschlimmerung und seelische Depression ein, aber nur deshalb, weil durch höhere Temperatur die Gärung der Selbstgifte (Schleim) und deren Bewegung größer und die Ausscheidung um so ergiebiger wird. Hier treten gewöhnlich Herz- und Atembeschwerden auf, weil der im Blute kreisende Schleim die zarten Blutgefäße von Herz und Lunge schlecht passieren kann. Am andern Tage schon sehen Sie diesen Schleim gewöhnlich im Urin, und Pumpe und Ventil funktionieren wieder gut. Vergessen Sie dies ja nicht in kritischen Zeiten und legen Sie sich, wenn möglich, zur Ruhe. Wenn man diese Kur macht, ist man freiwillig krank, das heißt, man lässt jetzt der Natur Zeit und Kraft, indem man sich auch vor Arbeit schont, so gut es geht. Erst nachdem sich der Körper vollkommen gereinigt hat, erlebt man dann das Unglaubliche, aber Selbstverständliche, dass Obst das beste Heilmittel und, wenn man den Kulturgewohnheiten nicht mehr nachgeben will, auch das vollkommenste Nahrungsmittel ist!

Das Fasten ist bei chronisch Kranken in mehreren und ansteigenden Perioden vorzunehmen; je nach Fall ist „schleimlose Diät“ einzuschalten, wodurch die während des Fastens aus den Schleimhäuten gepressten Schleimmassen aufgelöst und abgeführt werden. Sonnenbad und sonstige „physikalische Prozeduren“ können während des Fastens auch unterstützend hinzugefügt werden, wirken aber, namentlich das Sonnenbad, schlimm, sobald des „Guten“ zu viel getan wird. Ein Sonnenbad soll bald nach dem ersten Schweißausbruch aufhören.

Bei starker Belastung, Herzschwäche, etc. ist es besser, dasselbe während beginnender Kur zu unterlassen.

Nun habe ich Sie zum Schluss noch von dem größten „Schreckgespenst“ der Fasten- und schleimlosen Diätkur zu befreien, d. h. von der Furcht vor der Abmagerung und der Unterernährung. Man weiß doch genau, dass die mageren Menschen die leistungsfähigsten und auch die gesündesten sind, dass es keinen fetten neunzig- oder hundertjährigen gibt. Die ärmsten Länder stellen die meisten Hundertjährigen. Also wo man am wenigsten zu essen hat und nach wissenschaftlicher Ansicht unterernährt ist, wird man am ältesten. Ein Orientale, ein Fakir ist am leistungsfähigsten und fastet am längsten und am leichtesten, nicht trotzdem, sondern gerade deshalb, weil er fast nur aus Haut und Knochen besteht und somit am gesündesten ist.

Ehret die Rechte der Natur, folget dem Zuge der Liebe, so braucht Ihr keine Gesetze! Vor allem aber der Liebe zum eigenen Leben folgen, das ist die „Lösung von allem“ und gewiss einer vorübergehenden Entbehrung wert, die erst zu ungewohntem, aber gesundem Lebensgenusse führt!


Schleimlose Gerichte.

Außer Obst sind folgende Gemüse und Salate schleimlose Kur- und Nahrungsmittel (die Reihenfolge zeigt zugleich ihre Rangordnung, d. i. Qualität an):

  1. Als Salat, mit Zitronensaft und etwas gutem Öl oder Nussbutter mindestens 12 Stunden vor Gebrauch anzusetzen, etwas Zucker oder geschnittene Zwiebel können je nach Geschmack hinzugefügt werden. Die Gemüse und Salate sind fein zu schneiden oder mit dem Reibeisen oder dem Hobel zu reiben!

a) roh: Karotten, Rotkraut, Sauerkraut (dieses wegen des Salzes vorher gut abzuwaschen), Gurken-, Kopf-, Endivien-, Feld-, Lattich-, Brunngressen-, Tomaten-(wenig) Salat; Meerrettig nur ganz wenig mit Zucker oder Honig ohne Zitrone.

b) Vorher leicht gekocht: Sellerie, rote und weiße Rüben, grüne Bohnen.

  1. Gekochte Gemüse, am besten mit Kokosnuss- oder Nussbutter je nach Art geschmorrt oder gedämpft: Karotten, Zwiebeln, wenn klein ganz oder in Scheiben geschnitten in gutem Öl oder Kokosfett zugedeckt gebraten, bis sie leicht bräunen und süß schmecken (sehr zu empfehlen); weiße Rüben mit Zuckerzusatz, grüne Erbsen (Zuckererbsen), Spinat, Sauerampfer, grüne Bohnen, Feldmöhren, Schwarzwurzeln, Kohlraben, Rotkraut, Sauerkohl, Wirsing, (Weiß- u. Filderkraut). Alle Kohlarten, außer Sauerkohl (Sauerkraut), auch Spargel, sind weniger zu empfehlen.

Weiße Bohnen, Erbsen und Linsen sind zu stickstoffhaltig und wirken ähnlich nachteilig wie Fleisch. Alle Mehlspeisen, auch Brot, Reis, Hafer, Kartoffeln, sind Schleimbildner, ebenso Milch und ihre Produkte. Sauermilch, Buttermilch, weißer Käse sind nur als abführende Mittel anzusehen. Eingeweichte Haferflocken, oder etwas Grahambrot, können als „Schleimfeger“ in geringer Menge genommen werden. Wer Kartoffeln nicht ganz lassen kann, nehme sie nur hart gebraten mit Zwiebeln. Auch das Brot wird durch das Rösten etwas schleimärmer. Haferflocken auch als Zusatz von Salat oder Gemüsen, oder unter rohes Äpfelkompott gemischt, die Äpfel mit der Schale gerieben, sind mit etwas Zucker in diesem Sinne in kleiner Quantität zulässig.

Ein Absud verschiedener Gemüse, denen man auch Heilkräuter in geringer Menge zufügen kann, ergibt die sogenannte Kräuterbouillon. Die Heilkräuter findet man in den verschiedenen Natur- und Heilkräuterbüchern verzeichnet, wobei ich zu einer gewissen Vorsicht ermahne.

Dass die Natur für jede Krankheit ein Kraut hat, ist auch eine eitle Phrase. Es gibt im rein natürlichen Sinne nur eine Krankheit, und diese ist im Wesentlichen „Schleimverstopfung“!

Ich stelle weder Heil-, noch Kochrezepte und keine Diätrezepte auf.

Ebenso wenig kann man das Wieviel nach Grammen vorschreiben. Niemand kann wenig genug essen und bei der Diätkur erst recht. Wenn die Natur im ganzen Tierreich alle Krankheiten und auch Verwundungen mit Fasten heilt, so sagt sie, die Natur, die Unfehlbare (Gott, der Schöpfer, der Allmächtige und Allwissende), dass alle Krankheiten ohne Ausnahme von zu viel und falscher Nahrung kommen, also nur durch das Gegenteil, durch Nicht- und Wenigessen und durch die Naturdiät (Obst) geheilt werden können.

Das Einfachste ist das Natürlichste, und deshalb für Heilung und Ernährung das Beste. Ich will, und in Wahrheit kann man nur den Weg weisen, der endgültig und sicher dahin führt,

sein eigener Arzt und nicht mehr krank zu werden.

IV. Teil: Verjüngung auf natürlichem Wege

von

Arnold Ehret

Vorwort.

Wenn die Ehret’schen Lebensweisheiten auf Wahrheit aufgebaut sind, wenn das, was Ehret in seinen „Kranke Menschen“, „Lebensfragen“ und in seinem „Lehr- und Fastenbrief“ sagt, mehr ist als bloße interessante reformerische Gesundungslektüre, dann muss die sinngemäße Befolgung seiner Lehren nicht nur ein Gesundwerden und Gesundbleiben, sie muss auch ein Jünger- und Schönerwerden, also eine Verjüngungs- und Schönheitskur in sich schließen.

„Verjüngung“ war von jeher ein begehrter Artikel; seit der Entdeckung von Professor Dr. Steinach auf diesem Gebiete sind die Gelüste, jugendliche Kraft und Schönheit wiederzugewinnen, aktuell geworden.

Die nachfolgende Schrift ist dem Verleger vom Verfasser schon vor Jahren zur freien Verfügung überlassen worden. Die jede Verlagstätigkeit brachlegende Zeit verhinderte es, dieses wertvolle Vermächtnis des leider verstorbenen Gesundungsapostels früher erscheinen zu lassen.

Ehret geht auch hier seinen eigenen originellen Weg. Er zeigt, wie der Mensch, losgelöst von den Schlacken und Irrtümern einer verkehrten Lebensweise ohne Messer und Operation sich den tausendjährigen Traum vom Jungbrunnen verwirklichen kann.

Der Verlag.

Wenn wir im Leben Umschau halten, so finden wir, dass die Menschen alle – den Selbstmordkandidaten, die hier eine Ausnahme bilden, ist das geistige Licht mehr oder minder getrübt – mit der größten Zähigkeit an ihrem Leben hängen. Sowohl der Glücksritter, der nie sein Brot in Tränen aß, der die Sorge nicht kannte und kennt, wie der Pechvogel, dem kein Wurf gelang, und selbst der Kreuzträger, dem sein schweres Joch die Schultern wund gedrückt hat, sie alle wehren sich mit allen Fasern ihres Herzens vor dem Sensenmann bis zum Erlöschen der noch kaum glimmenden Lebensflamme. Und selbst wenn einer in seiner 80 Jahre lang dauernden Lebensschule nie „vorrücken“ durfte, unter seinen Schul- und Weggenossen immer der Letzte war, wie gerne würde er bei der Entlassung aus dieser für ihn gewiss nie verlockend gewesenen Leidensschule noch einige Jahre „als der Letzte sitzen bleiben!“

Wenn wir im Leben Umschau halten, so finden wir, dass die Menschen alle – den Selbstmordkandidaten, die hier eine Ausnahme bilden, ist das geistige Licht mehr oder minder getrübt – mit der größten Zähigkeit an ihrem Leben hängen. Sowohl der Glücksritter, der nie sein Brot in Tränen aß, der die Sorge nicht kannte und kennt, wie der Pechvogel, dem kein Wurf gelang, und selbst der Kreuzträger, dem sein schweres Joch die Schultern wund gedrückt hat, sie alle wehren sich mit allen Fasern ihres Herzens vor dem Sensenmann bis zum Erlöschen der noch kaum glimmenden Lebensflamme. Und selbst wenn einer in seiner 80 Jahre lang dauernden Lebensschule nie „vorrücken“ durfte, unter seinen Schul- und Weggenossen immer der Letzte war, wie gerne würde er bei der Entlassung aus dieser für ihn gewiss nie verlockend gewesenen Leidensschule noch einige Jahre „als der Letzte sitzen bleiben!“

So stark ist der Selbsterhaltungstrieb, den der Schöpfer jedem Menschen in die Wiege legt und ins Leben mitgibt, und dem der Mensch bis zur letzten Stunde seines Daseins treu bleiben muss. Damit ist aber auch gesagt, dass Gott und die nach seinen Gesetzen untrüglich arbeitende Natur den Menschen in ein Leben stellt, das des Lebens wert ist, ihn glücklich machen kann.

Und sicher ist dieses Leben auch, namentlich das gesunde und aufsteigende auf einen Reiz nach Freude und Luft, und nicht auf den des Schmerzes gegründet. Schon die Selbsterhaltung durch Nahrung ist, oder soll wenigstens, wie die Erfüllung aller richtigen Lebensbedingungen ein Genuss sein. Der Inbegriff aller irdischen Glückseligkeit, von den Dichtern aller Jahrhunderte besungen, ist und bleibt das Streben nach Erhaltung der Gattung, die Liebe. Wenn die Natur diesen Erhaltungstrieb physisch und seelisch auf die höchste Lust gestimmt hat, so will sie damit sagen, dass ihr an der Erhaltung der Gattung weit mehr gelegen ist, als an der des Individuums.

Der so verpönte Egoismus im reinen „göttlichen“ Sinne, d. h. der Drang nach Erhaltung und Steigerung des Gesunden, Schönen, Vollkommenen, Unabhängigen und Freien am eigenen „Ich“ und das Streben nach einer gesunden, schönen und vollkommenen Rasse, der Fortpflanzungstrieb, sind die beiden Mächte, um welche sich das ganze Leben und der Kampf ums Dasein drehen. Dieses heiße Begehren nach der Vereinigung mit dem Schönen, sein restloses Aufgehenwollen in ihm und die physische und seelische Steigerung dieses Genusses bis zur Ekstase sind etwas Berechtigtes, Natur- und Gottgewolltes, also an sich auch etwas Moralisches, weil auf diesem Reiz die Erhaltung von Individuum und Gattung beruht. Das haben alle Scheinmoralisten bis jetzt übersehen. Unsittlich – antisozial – wird die Betätigung der beiden Grundtriebe des Lebens, des Egoismus und des Fortpflanzungstriebes, erst, wenn sie das eigene und das Leben der andern, der Gattung, gefährdet, oder der gottgewollte Fortpflanzungstrieb zur Sinnenlust herabsinkt.

Das Wort der Schrift: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, an seiner Selle aber Schaden leidet,“ möchte ich gerne dahin ergänzen: und wenn er durch eigene Schuld, also gegen Gottes Willen, hässlich, alt und kraftlos wird und nicht nur nicht mehr genießen, noch weniger arbeiten kann.

Die persönliche Schönheit, die jugendliche Kraft und Intelligenz, die Erhaltung der Elastizität von Leib und Seele, mit einem Wort, „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“, sind die wesentlichsten Faktoren und die reellsten Faktoren zum irdischen Glück, und gar oft liegt die Entscheidung für einen Glückskandidaten in seiner leiblichen und geistigen Schönheit, also auch eine „Schönheitskonkurrenz“. Diese gravierende Tatsache wird von den Menschen nur geahnt, kommt aber nicht deutlich genug zum Bewusstsein. „Alles reden und schreiben ist nichts, das Persönliche alles“, sagt Goethe. Wenn nun Schönheit und Intelligenz unter den Menschen so ungleich verteilt sind, wenn jugendliche Kraft in jeder Beziehung, Intelligenz, Gedächtnis, Beweglichkeit mit zunehmendem Alter im abnormen Verhältnis abnehmen, so müssen hierfür bestimmte Ursachen vorliegen. Es fragt sich nun, können diese Ursachen gefunden und beseitigt werden, kann ein „Lehr- und Grundsatz“ für das aus dem Altwerden sich ergebenden Hässlichwerden aufgestellt werden?

Die sekundären Erscheinungen des Alterns, die Abnahme des Gehör- und Gesichtssinnes, sowie des Gedächtnisses hat man wohl, und nebenbei, als pathologische Erscheinungen angesehen, aber Kahlheit und Ergrauen der Haare, die Runzeln, die Trübung und das Tränen der Augen, der Fettansatz, die Abnahme der Elastizität, der Beweglichkeit, der Geschicklichkeit, des Geschlechtstriebes sind bis jetzt als etwas Selbstverständliches und für das Alter Unabwendbares empfunden worden. Wenn auch bereits Versuche über „Physiologie der Schönheit“ und wissenschaftliche Untersuchungen über die Ursachen des Alterns existieren, wenn ferner schon der berühmte Professor Metschnikoff Altwerden mit Krankheit identifiziert hat, so muss es im Zeitalter des Fortschritts, der Intelligenz und der „wissenschaftlichen“ Aufklärung von einem halbwegs vernünftigen Menschen mit einem mitleidigen Lächeln angesehen werden, wie viele Millionen für Haarwasser, Schönheits- und Verjüngungsmittel umsonst von denen ausgegeben werden, die nicht alle werden.

Dass jedes neue Mittel, unter den betörendsten Lobpreisungen und mit schamlosester Marktschreierei angepriesen, von denen, die sich’s leisten können, gekauft und versucht wird, beweist, dass Schönheit und Jugend die Sehnsucht unserer Alt- und Morschgewordenen sind. Die größten Entdeckungen und Errungenschaften müssen in ihrer Eintaxierung gegen die „Zauberkunststücke“ auf dem Gebiete „Verjüngung“ zurückstehen. Wie viele gibt es nicht, die Millionen opfern würden, das Leben noch einmal in jugendlicher Kraft und Schönheit genießen zu können, besonders mit dem Vorteil, wenn dieses „neue Leben“, mit den Erfahrungen eines Durchschnittsalters ausgerüstet, noch einmal begonnen und genossen werden könnte. Dass die Altersgrenze des Menschen gegenwärtig ungeheuer herabgedrückt ist, beweist die Statistik. Dieses kurze Leben steht ganz im Gegensatz zu den Angaben der Bibel, die von Menschen spricht, die historisch sind, also wirklich gelebt haben, und diese wurden mehrere Jahrhunderte alt. Verjüngung wäre also Verhütung oder mindestens Aufschub tödlicher Krankheiten, Prophylaxe par excellence, wirkliche Bemeisterung des Schicksals durch Verlängerung des Lebens. Welche Perspektiven! Welche Errungenschaft, wenn sich diese Verjüngungs- und Krafterhaltungswünsche für einige wenige Einsichtige, für höchste Intelligenz, für große Männer und berühmte Frauen, für die wertvollsten Menschen erfüllen ließen!

Doch den „Jungbrunnen“, durch den über Nacht eine alte „Hexe“ zur Venus wird, den gibt es nicht. Alle Haarwasser der Welt zusammen vermögen kein einziges Härchen hervorzuzaubern. Ich bestreite sogar auf das entschiedenste den geringsten Erfolg aller äußerlichen Schönheits- und Verjüngungsmittel. Ist man denn im Zeitalter der Naturwissenschaften noch so beschränkt, mittelalterlich abergläubisch und naiv, zu glauben, die vernichteten Haare könnten über Nacht ergänzt, oder stark veränderte, zum menschlichen Organismus gehörige und vom Blutstrom fortwährend gespeiste Teile könnten über Nacht mit äußerlichen Mitteln oder inneren Mixturen hinweg laboriert werden? Die Alterssymptome sind doch die Produkte eines jahrzehntelangen Prozesses und ein Teil ihrer Folgen, namentlich die der Hässlichkeit und der Verkümmerung; das frühzeitige Altern kann sogar im Blute liegen und seit Jahrhunderten durch mehrere Geschlechter vererbt sein. So wenig man mit mechanischen Apparaten die Impotenz heilt, mit „Müllern“ die Krankheit verhütet, durch „geistige Künste“ sein Gedächtnis, seinen persönlichen Magnetismus, den Willen und die Energie wiederherstellt, ebenso wenig gibt es ein Mittel, untergegangene Schönheit und Jugend wieder hervorzuzaubern.

„Gut Ding will Weile haben!“ Alles ist Entwicklung und nichts Organisches entsteht im Augenblick; selbst das Üble, die Krankheit, das Altern, kommen nicht plötzlich, nicht von ungefähr. Die Natur verfährt auch in der organischen Welt mathematisch, wenn auch ihr Getriebe nicht berechenbar sein wird. Soll also ein Symptom des Alterns durch einen innerlichen, physiologischen Prozess aufgelöst, zurückgebildet werden, so müssen die Ursachen beseitigt werden aus denen seine Entstehung hervorging.

Krankheit ist ein Prozess, kein Zustand; der Prozess läuft fast in allen Fällen darauf hinaus, den seit Kindheit angehäuften rückständigen und in Fäulnis übergegangenen Überschuss, namentlich an unnatürlicher Nahrung, hinauszubefördern. Wie ich in meinen im gleichen Verlage erschienenen Büchern „Kranke Menschen“ und „Lebensfragen“ ausführlich dargelegt und bewiesen habe, muss ich die Nahrung außer der Obst- und Gemüsenahrung, die letztere mit Vorbehalt, unnatürlich nennen. Wer aus Prinzipien des Geldverdienens oder des Vergnügens keine Zeit und keine Lust hat, durch zeitweilige Nahrungsenthaltung und „Diät“ diesen Reinigungsprozess, Krankheit genannt, sich ruhig abspielen zu lassen, der gehe zur Allopathie und Chirurgie, die heute durch die wunderbarsten Mittel und die wissenschaftlichen Errungenschaften der Technik und Chemie seinen Anforderungen wenigstens vorübergehend genügen. Wenn aber diese vorübergehende „Heilung“ nicht befriedigt, oder wo der Schmerz und der Ablauf dieses unangenehmen Prozesses nicht einmal durch die modernsten Mittel zum Stillstand gebracht werden können, und die ganze „Maschine“ zu versagen droht, da muss der Mensch sich Zeit nehmen, krank zu sein und das Heil im „feindlichen Lager“, bei der Naturheilkunde suchen.

Vorher verlangte der Kranke die unbedingte Beseitigung des Unangenehmen, des schmerzlichen Hindernisses an Arbeit und Genuss. Diesem Verlangen, dieser Nachfrage der „Vielen“. Allzuvielen, entspricht die heutige Medizin in erstaunlicher Weise. Das muss anerkannt werden, wenn auch die Erfolge, die die Medizin hierbei erzielt, als flüchtige nicht gelobt werden können. Schon deswegen nicht, weil der lebensermüdende und das Leben hemmende Prozess sich durch Medizin und Mixtur bloß einschläfern und eine Zeitlang durch die ihn zurückdämmenden eingenommenen Gifte betäuben lässt. Beim Erwachen ist die Krankheit zur Furie geworden, die sich für die ihr angetane Unterbrechung zu rächen weiß. Im Rausch vergisst der Mensch Leid und Sorgen, der Dusel beseitigt ihm die verhassten Lebenspeiniger auf einige Stunden. Das Nüchternwerden lässt dem Menschen den alten Jammer verdreifacht erscheinen, und zum alten Leiden ist der Katzenjammer als Dreingabe noch mitzutragen.

Der Vergleich zwischen Rausch und Medizinkur ergibt als Fazit, dass da und dort Nerven- und Blutbahn eine Zeitlang zum Stillschweigen gezwungen werden, aber wie jeder Vergleich, so hinkt auch dieser: beim einmaligen Rausch werden die Schäden durch eine glückliche Entladung des Magens oder durch die Naturkraft des Körpers rasch überwunden und gehoben, die Medizin aber, bei der es ja nicht mit einer Dosis abgetan ist, „repetatur mixtura!“ heißt hier die Parole, gräbt sich, in vielen Fällen unauslöschlich, in die Nerven- und Blutbahnen ein, und der ursprünglichen Krankheit ist ein neues Übel hinzugefügt, das die Reste der noch vorhandenen guten Elemente erheblich an der Arbeit des Gesundmachens hindert.

Der chronische Kranke greift also nach der Enttäuschung, die er beim Medizinmann und Apotheker erlebt, zu einem andern Strohhalm, er geht zum Naturdoktor. Dieser soll und wird nun den Augiasstall vom Unrat reinigen und das Haus neu aufbauen. Voll Vertrauen tritt er, gefügig geworden, ins neue Joch. Er hat die anstrengendste Arbeit, Vergnügen und Genuss aufgegeben, nimmt sogar jetzt meist eine feindliche Stellung zur Medizin ein und wandert in eine Anstalt für „Naturgemäße Therapie“. Nur eines kann und will er auch hier nicht aufgeben – sein gutes Essen, das „Leib und Seel‘ zusammenhält“.

Und doch ist bei allen ernstlichen Erkrankungen das gemeinsame Hauptsymptom das Fehlen des gesunden Appetits. Kein Tier frisst, wenn es erkrankt. Diese „Stimme der Natur“ hat man auch im Lager der Naturheilkundigen bis jetzt noch gar nicht oder viel zu wenig beachtet.

Die Natur sagt gewissermaßen zum Patienten: Ich brauche jetzt alle Kräfte, um dich zu heilen und habe keine Kraft übrig zum Verdauen, Arbeiten und Genießen; ruhe, schlafe und trinke höchstens und ich will dich mit ungeahnten Reservekräften, die du mir dein ganzes Leben durch ein „Zuvieles“ an Verdauung geraubt hast, zu größerer Gesundheit bringen, zu Jugend und Schönheit, will dich physiologisch „auferstehen“ lassen.

Jede, namentlich die üppige Mahlzeit, macht schlaff und müde, d. h. statt einem Plus an Kraft kommt nach ihr ein Minus heraus, wenn man die nötige Verdauungsenergie von dem Kraftprodukt, das sich aus der Verdauung herausschält, abzieht. Somit gibt es auch schon eine Algebra der Verdauung und des Heilprozesses.

Durch die Kuren des Naturheilverfahrens, wie heiße Bäder und Schwitzen, künstliche Erkältung (Kneippkur) erhöht man zwar den physiologischen Betrieb und den Erfolg des Heilprozesses, aber nur auf Kosten der Lebensreserven, ein Verlust, den man durch gutes Essen und wieder Essen quitt machen will. Und das nennt sich „naturgemäß“ heilen und kommt sowohl mit dem „Geist“, dem Sinn des Heilprozesses in Konflikt wie mit der Natur selbst, die mit den armen kranken Menschen, siehe der oben erwähnte Instinkt der Tiere und deren Nahrungsenthaltung im Erkrankungsfalle, etwas ganz anderes vorhat, um wirklich zu heilen und zu verjüngen.

Sagt man statt „heilen“ die Krankheit „zum Verschwinden bringen,“ so ist klar, dass bei wirklich natürlicher Therapie nicht die Krankheit geheilt, sondern der kranke Mensch dadurch gesund gemacht und von den Krankheitsursachen befreit wird, dass sich der Heilprozess radikal und vollkommen abspielt durch Abstoßen der sogenannten Fremdstoffe, die im wesentlichen und in der Hauptsache aus Schleim bestehen, wobei „Schleim“ so viel ist wie in Verwesung übergegangener oder übergehender organischer Stoff. Dabei ist der Überschleim, das Pathologische, gemeint, nicht das normal „Fettige“ der Schleimhäute.

Ich verweise hier wiederholt auf meine „Kranke Menschen“ und „Lebensfragen“, in denen ich eine ausführliche Darlegung meiner Meinung gegeben habe.

Der Schleim in seinem Übermaß, bezw. das Zuviel- und Falschessen als Schleimbildner, ist der Grund fast zu allen Erkrankungen und zu den pathologischen Erscheinungen des Alterns. Es ist kein Grund vorhanden, dass sich die beiden Doktrinen, Medizin und Naturheilkunde, in den Haaren liegen und bis aufs Messer bekämpfen. Jede hat ihre Berechtigung, nur heilt keine ganz. Ich wiederhole: Wer von einem körperlichen Übel, und möglichst schnell, d. h. vom Krankheitssymptom, befreit sein will, ohne Anspruch auf eine Dauerheilung, der gehe zur Medizin, und das sind die „Vielen“, die solches tun.

Die heutige Medizin ist mit ihren bedeutenden Fortschritten auf dem Gebiete der Schmerzstillung und momentanen Niederschlagung der Krankheitssymptome, nicht der Krankheitsursachen, anzuerkennen.

Wessen Auffassung eine andere ist im Kampf ums Dasein, wenn es nach „Reaktionen“ seines Körpers gelüstet, der vertraue seine „Fremdstoffe“ dem Lager der „Naturgemäßen“ an. Das tun die „Wenigen“. In diesem Lager muss man Zeit und Lust haben, fürs Erste noch kränker werden zu wollen.

Ist der Körper noch reaktionsfähig, er muss auch schließlich noch eine „Rosskur“ ertragen können, so wird der Kranke aus seiner naturgemäßen Kur seinen Nutzen ziehen, der zum bleibenden werden kann, wenn der Mensch nicht wieder in den Fehler der „Viel- und Falschesserei“ verfällt.

Die Angst vor gegenseitiger Konkurrenz zwischen Medizin und Naturheilung sind grundlos. Beide Lager haben ihre Wahrheiten, und wenn sie nicht mehr versprechen, als sie halten können, sind beide in ihren Leistungen anzuerkennen.

Wer sich selbst, wie es das Tier tut, vollkommen heilen, alle Krankheitsursachen beseitigen, sich verjüngen und verschönern will, der mache es wie ich, gehe bei der Natur in die Schule und mache meine „Universalkur“!

Wie ich am eigenen, krank und alt gewordenen Körper (siehe die einschlägigen Photographien in meine „Kranke Menschen“, die Bände für sich sprechen), aber auch an den kranken Körpern meiner Patienten untrüglich erprobt und herausgefunden habe, sind nur Fasten und Obstdiät wirklich natürliche „Heilmittel“, das ist auch der instinktive Heiltrieb, den die Natur in jeden Organismus gelegt hat: Fasten und Obstdiät.

Aber auch hier gibt es keine Heilschablonen. Eines passt nicht für jeden!

Die Natur kennt keine Krankheitsarten, keine spezifischen Namen für die Krankheiten, sie kennt nur eine, die Krankheit, sofern das Übel, was fast immer der Fall ist, mit einer Überverschleimung zusammenhängt, und heilt die Krankheit immer nach denselben Grundsätzen.

Der Schluss aber, den man in ganz verkehrter Weise zieht, dass die von mir und in meinen Schriften dargelegte Diätkur, bezw. das Fasten, nun alle Krankheiten heilen müsse und sich nach Schema F bei allen Kranken anwenden lasse, ist grundfalsch. Ja, meine Kur heilt alle Krankheiten, ganz besondere Fälle eines vollständigen Körperruins ausgenommen, aber nicht alle Kranken.

Daher die vielen Fiaskos selbstständiger Kurdilettanten!

Die Konstitution des jeweiligen Patienten, seine Verfassung, Alter, Beruf, Vererbung, Disposition usw. verlangen Modifikationen, die in den einzelnen Fällen einzutreten haben. Es ist immer zu bedenken, dass die Obstdiät nicht nur eine Nahrung gottgewollter Art ist, die das Leben aufbaut; ehe sie aufbauen kann, muss sie einreißen, d. h. den Körper von den alten Schlacken losreißen, mit Gewalt losreißen. Eine solche Gewaltmaßnahme hält eine alt und morsch gewordene Ruine nicht immer aus, hier muss ein tüchtiger Fachmann Fundament, Gemäuer und Gebälk auf ihre Widerstands- und Tragfähigkeit genau untersuchen, d. h. es muss bei dieser Kur erst recht individualisiert werden.

Ein bejahrter, verseuchter Kulturmensch kann nicht sofort längere Zeit fasten oder vom opulenten Mahl plötzlich und ohne weiteres zur radikalen Obstkur übergehen. Er würde an den zu rasch gelösten, eigenen Giftstoffen zu Grunde gehen, nicht am Fasten und der Obstdiät selbst. Es muss also das Fasten mit Bedacht und Sorgsamkeit, je nach Lage des Falls eingeleitet, mit größter Gewissenhaftigkeit durchgeführt, wozu auch das Fortschaffen der losgelösten Giftstoffe gehört, (siehe mein „Fasten- und Lehrbrief“), damit der Giftstrom nicht das Blut überschwemmt und so das Leben auslöscht. Das Fasten muss endlich weise und vorsichtig beendet werden, d. h. der Faster, und besonders der „kritisch“ veranlagte Faster, braucht einen Leiter und Führer.

Mein „Lehr- und Fastenbrief“ lässt es an Mahnungen zur Vorsicht nicht stehlen und schreibt in fraglichen Fällen auch einen Fastenkurleiter vor.

Aus diesem Grunde habe ich die jeweils nach Sachlage anzuwendende schleimlose oder schleimarme Diät aufgestellt, wobei zu Obst noch Gemüse und Salate und schleimarme Stärkemehlspeisen hinzugenommen werden dürfen. Es sind dabei die sogenannten „Schleimfeger“ in Betracht gezogen, die mehr eine mechanische Reinigung, namentlich des Darmes, in die Wege leiten.

Altern ist also identisch mit zunehmender Gesamtbelastung, die namentlich vom Magen und Darm aus die Alterssymptome blutvergiftend und blutverschleimend speist. Der betreffende Krankheitsherd kann, je nach Veranlagung, z. B. schwache Lungen, kranke Leber usw., an irgendeiner Stelle genährt, erzeugt werden, wonach dann die Krankheit ihren spezifischen Namen erhält.

Hinsichtlich der blutvergiftenden und blutverschleimenden Speisen ist vor alles Gekochte ein besonderes Warnungszeichen zu setzen. Abgesehen davon, dass beim Kochen, wie es gang und gebe ist, die wertvollsten Stoffe und Nährsalze in den Ausguss wandern, wird die vorher lebendige Nahrung, ich meine hauptsächlich das Gemüse, totgekocht. Wer also von Anfang nicht gut nach der ganz schleimlosen Diät leben kann oder darf, der füge anfangs dem Obste noch die köstlichen zuckerreichen Blatt- und Wurzelgemüse bei und genieße sie, entsprechend zubereitet, als Salat. Für den Anfänger ist es auch eine Erleichterung, das Obst zu kochen, das auch in gekochtem Zustande keinen Schleim bildet.

Der Ausgangspunkt fast zu allen Krankheiten ist, wie schon gesagt, Magen und Darm. Und wo eine Krankheit angeboren ist, da können sie die Eltern durch eine jahrzehntelange Schleim-Schwelgerei auf dem Gewissen haben. Die im Körper angehäuften Schleimmassen sind Gärungs- und Fäulnisstoffe, die dem Menschen die besten Kräfte abzwingen und ihn wegen des Kräfteverlustes vorzeitig alt machen. Wie könnte es anders sein? Wie könnte ein Mensch, der sein Leben lang totgekochte, also entlebte Speisen, Fleisch, Milch, Eier, Mehl, Reis, Kartoffeln usw., lauter ausgesprochene Schleimbildner, zentnerweise verschlungen und seinen Körper mit der Zeit selbst „tot“ gemacht hat, noch Lebensfrische und Lebenskraft in sich haben können?

Die Praxis hat ergeben, dass eine konsequent und richtig durchgeführte Kur nach meiner Anordnung, heiße die Krankheit, wie sie wolle, verjüngend, regenerierend wirkt.

„Du musst erst deinen Körper zu Grabe tragen, zu Asche werden lassen, wenn du auferstehen willst!“ – so ähnlich sagt Nietzsche. Das Wort: „Aus Wasser und Geist (Luft) wiedergeboren werden“, hat mehr als eine Bedeutung.

An mir ist nach jahrzehntelangem, reinem Leben nichts mehr vom selben Fleisch, ich glaube nicht einmal von denselben Knochen das vorhanden, was ich vor zwanzig Jahren mein eigen nannte. Jener alte Leib ist von mir abgefallen, ein neuer Mensch mit einem Körper ist mit mir auferstanden, gefüllt mit Gesundheit, Kraft und göttlichem Wissen. Und hätte ich meine Erfahrungen von heute bei Beginn meiner Kur schon gehabt, so hätte ich den gleichen Erfolg schon in 2 – 3 Jahren erzielen können. Die Tatsache zeigt sich deutlich in den physiognomischen Veränderungen der Bilder aus den Stadien meiner Erkrankung und Gesundung, auf die ich wiederholt verweisen muss.

Nun ist der „Jungbrunnen“ da, kein Märchen mehr: Die Austreibung der verwesten Stoffwechselreste und der toten Zellen; ihr Ersatz: der Wiederaufbau durch neues, lebendiges Material aus Obst, aus der Sonnenküche.

Eines Regenerativmittels muss ich hier noch Erwähnung tun, es ist der Schlaf. Nicht der Schlaf nach einen den Magen und Darm mit Schleimfutter überflutenden Mahlzeit. Im Märchen vom Dornröschen und auch in den Erzeugnissen großer Geistesheroen, wie bei Richard Wagner, spielen der Schlaf und seine umwandelnden und veredelnden Kräfte ein schönes Motiv. Die Kunst ahnt wie der Volksglaube die Möglichkeiten der ungekannten Naturgesetze. Lang schlafen, wochenlang schlafen, ist fasten und wirkt verjüngend. Ich möchte das Wort der Schrift: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe“ in meinem Sinne deuten.

Noch einmal betont, ist hier der gesunde, reine Schlaf bei reiner Nahrung gemeint. Dieser Schlaf ist auch gerade einer der seligsten Momente im Laufe einer fortgeschrittenen Fastenkur und ein wesentliches Mittel, das Fasten selbst zu ertragen. Es gibt auch ein dem Menschen von der Mutter Natur aufgezwungenes Verlangen nach Dauerschlaf. Davon wissen die „Schleimfutterer“ aus ihrem Berufsleben ein traurig Liedlein zu singen, in das selbst Vegetarier bei ausgesprochener Mehlspeisendiät einstimmen müssen.

Mit 32 Jahren ein kranker, gebrochener Mann, vom Militär wegen Herz- und Nierenleiden entlassen, wie das betreffende Bild zeigt, glich ich damals einem Fünfzigjährigen. Etwa zehn Jahre später bin ich als „Auferstandener“ 56 Stunden in einer Tour marschiert, habe 2 ¼ Stunden Laufschritt gemacht und habe mich, was der Prüfstein für die Richtigkeit meiner „Auferstehung“ ist, nach diesen Glanzleistungen an Kraft und Ausdauer nicht zu Tode ermüdet gesunden. Welcher Fleisch-, Milch-, Eier-, Pfannenkuchen- und Omeletteschweiger tut hier mit, besonders aber, wer aus ihnen übersteht die Folgen einer solchen Herz- und Lungenanstrengung? Diese Probe aufs Exempel, und ich lege hier den Hauptton auf das subjektive Befinden nach der ungeheuren Arbeit, muss Herz, Lungen und Muskeln zur Unterlage haben, die mit Nahrung aus der Sonnenküche aufgebaut sind, die das Blut mit „Nektar und Ambrosia“ speist. Der ausgesprochene „Mehl- und Kleistermensch“ versagt hier noch früher als der qualifizierte Fleischesser.

Ich habe mich dem Ministerium angeboten, mit dem mitgetragenen, eisernen Bestand an Nahrung einen militärischen Marsch von 3 – 4 Wochen auszuführen. Ich wollte den Herren Strategen und Generalstäblern zu ihrer großen Kunst im Gewinnen von Schlachten einen weiteren Faktoren zeigen für einen siegreichen Erfolg, eine biologische Waffe aufs Schlachtfeld mitgeben, die nie versagt. Doch das stand nicht im „Reglement“ und die Herren Oberärzte schüttelten auch das weise Haupt, und wozu hat denn die Armee ihre Heeresverwaltung, und überhaupt – Ehret ist mit seinem Anerbieten abzuweisen, und Ehret wurde abgewiesen. Bei einem so unerhörten Angebot werden doch auch die militärischen Annalen des Antragstellers nachgeschlagen und in ihnen stand schwarz auf weiß: „Wegen Krankheit und körperlicher Schwäche aus dem Dienst entlassen!“ – Es stimmt, das war einmal. Dieser ungeheuerliche Gegensatz von einmal und jetzt ist allerdings so unglaublich, dass, wenn mir jemand zehn Jahre früher gesagt hätte: „Du wirst dich in einem Dezennium deinem Kriegsministerium zu einer bisher unerhörten Kraftprobe anbieten“, ich ihm ins Gesicht gelacht hätte. – –

Die Verjüngungserscheinungen bei der von mir durchgekosteten und heiß empfohlenen Lebensweise sind erwiesene Tatsachen, die eben leider jene nicht sehen und wissen wollen, die lieber an die Weisheit der Köche und „Kochphysiologen“ glauben und im Alter an Siechtum zugrunde gehen und dabei jahrzehntelang vorher schon den Stempel der bereits bei Lebzeiten begonnenen Verwesung auf Gesicht und Stirne tragen. Ich will sie nicht daran stören, wenn sie nach den Grundsätzen der Majorität enden wollen.

Die Mehrzahl, zu denen auch die Herren des Kriegsministeriums zählen, ist also gegen meine Grundsätze. Stehe ich nun ganz allein auf weiter Flur mit meinem Glück und meiner Glückseligkeitslehre? O nein! Eine Reihe von Freunden, meine stattliche Gemeinde, sind es, die mit mir an der Naturtafel sitzen, die aus dem Jungbrunnen getrunken, und die mir alle in ihrer Lebensfreude zujubeln und mir und meiner Lehre Recht geben und mit mir in ihrer Verjüngtheit den lebendigen Beweis liefern, dass wir den rechten Weg gehen. Aber auch die Wissenschaft, wenigstens ein erlauchter Teil derselben, Männer aus ihnen, die denselben Pfad gegangen, legen Zeugnis für unsere Wahrheit ab. Ich verweise hier auf die Urteile autoritativer Ärzte und Doktoren auf dem Gebiete der Diätetik und energetischen Ernährungswiese, die in meinem Buche „Kranke Menschen“ aufgeführt sind. O nein, liebe Freunde, wir stehen nicht allein!

Der regenerative Einfluss auf die Alterssymptome: Ergrauen der Haare, Zahnfäulnis, Runzeln, Gedächtnisschwäche usw. ist auch in dem erwähnten Buche und in ‚Lebensfragen‘ an meinen und den Erfolgen derer, die Mut genug gehabt haben, meinem Beispiel zu folgen, klipp und klar nachgewiesen. Und mein „Lehr- und Fastenbrief“ gibt Anhaltspunkte genug für die, welche den Kampf gegen Hässlich-, Alt- und vor der Zeit Morschwerden aufnehmen wollen.

Wer sich also verjüngt, verschönt sich ohne weiteres, und damit eröffnet sich ihm wieder die Luft und das Recht auf Liebe. Der heutige chronische Haarschwund, besonders bei der Männerwelt, ist ein bisher unterschätztes, gravierendes Symptom des Alterns. Nur noch „feinfühlige Weiber“ empfinden schwer genug den Kahlkopf als „Ausscheidungsgrund bei der Zuchtwahl“. Schöne volle Haare sind Schönheitsqualitäten ersten Ranges, das wissen alle Liebenden. Sie sind „Sexualorgane“ zweiter Ordnung. Das „unverbildete“ Weib fühlt ganz richtig den inneren organischen Zusammenhang zwischen Jugend und Schönheitssymptomen und der Möglichkeit der höchsten Seligkeit des kommenden Liebes- und Eheglückes.

Haare, Zähne, reiner, zarter Tain, schlanke, graziöse, bewegliche Figur, leuchtende Augen sind nicht nur Forderungen und Bedingungen der Liebe, sie sind die ungeschriebenen „Garantiescheine“ ungetrübten Liebesglückes, Liebesvermögens; sie und ihre jugendliche Erhaltung werden durch meine Lebensweise erst recht Garantiescheine dauernder Liebe und der treuen Liebe in monogamer Ehe und die Krone dieses Garantiescheines ist eine gesunde, reine Nachkommenschaft.

Diese Schönheits- und Verjüngungskur ist zugleich ein Vorbeugen gegen alle Krankheiten und Unarten auf dem Gebiete der Sexualtherapie, wie der unnatürlichen Reize (Unsittlichkeit), Pollutionen, Onanie und zugleich der Sexualneurasthenie, der Impotenz und der Unfruchtbarkeit.

Zuviel des Guten im Essen und Trinken, ein Zuviel an Eiweiß macht alle Mühen und Arbeiten der Sittlichkeitsapostel zuschanden. Der Mangel an Nährsalzen und Traubenzucker der Früchte erzeugt Krankheit, macht alt, endet in Hässlichkeit und Impotenz.

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!“ Wie wahr ist doch dieses Wort der Schrift! An den Früchten, mit denen sie ihr Leben aufbauen, an den Früchten, die ihr Leben bringt, ihrer Nachkommenschaft.

Analog unserer Kenntnisse in der Tierzucht dürfte jetzt bald wieder die Bedeutung der Schönheit des Mannes bei der Hebung unserer Rasse in Betracht gezogen werden. Sie ist von ganz außerordentlicher Bedeutung. Der Mann spielt bei der Fortpflanzung im Sinne der „Zuchtwahl“ eine noch größere Rolle als die Frau. Jener drückt dem zukünftigen Geschöpfe die Qualität auf die Stirne; die Frau gibt ihm, so wichtig und veredelnd sie auch bei dieser edlen Gemeinschaft ist, doch nur das „Material“ ins Leben mit, sie formt den Stoff. Der ist mithin der wichtigere Faktor bei der Bildung des Produktes, seine Körper- und Charaktereigenschaften, seine eigene Qualität, sind beim Zeugungsakt von ungeheurem Einfluss. Nicht umsonst heißt es in der Bibel, diesem Buch der Wahrheit: „Die Sünden der Väter rächen sich bis ins 3. und 4. Geschlecht“, wenn nicht sogar bis zum Aussterben. So wesentlich ist das, was der Mann bei der Bildung eines neuen Menschen zu sagen hat. Gewiss kann die rassereine Frau mit ihrem Blute einen günstigen Ausgleich schaffen, aber für den Mann ohne Qualität in die Bresche springen, umbilden, kann sie nicht. Daher die ungeheure Verantwortung des Mannes beim Fortpflanzungsakt, und daher der hohe sittliche Wert „hervorragender Zuchtexemplare“.

Im Tierreich kann ein einziges gutes, schönes, starkes Männchen die Gattung vor dem Untergange retten. Es ist, als ob die Natur aus Zucht- und Rassezweckmäßigkeit mehr Gewicht auf Ausnahmemänner legen würde, während sie die Weiber mehr gleichmäßig schön und gesund haben will. Das Verlangen aller Frauen, schön und jung zu bleiben, ist damit naturgemäß begründet.

Die treue Befolgung meiner Kur- und Ernährungsweise gibt dem nach Schönheit dürstenden Weibe das wahre Mittel an die Hand, schön zu werden und zu bleiben, wobei mein Standpunkt in der Beurteilung der „Schönheit“ von dem der Menge ebenso abweicht, als die Mittel zur Erzielung der Schönheit selbst.

Um das Weib in der Ehe durch eine oder mehrere Geburten nicht zur Ruine werden zu lassen, soll mit der Kost aus der „Sonnenküche“ schon lange vor der Empfängnis begonnen worden sein und diese erst recht nach der Empfängnis und in den Monaten der Schwangerschaft fortgesetzt werden. Ja, es gibt auch eine vorgeburtliche Erziehung. Wird sie nach meinem „Rezept“ betätigt, und ist der Körper rein, dann speist die Mutter das empfangene Kind auch mit reinem Blute und mit „Götterspeise“, und dieses Kind wird nun, wieder rein und mit süßen Lebensstrom in den Adern, das Licht der Welt erblicken, nicht als scheußlicher Fettklumpen, aber kerngesund und wohlgestaltet und mit Gaben des Leibes und Geistes für den Kampf des Lebens wohl ausgerüstet. Und die Mutter wird bei meiner Lebensweise eine Geburt erleben, die ohne Wehen und Kaiserschnitt in Freuden vor sich geht. Mutter, willst du dich nicht an die Tafel setzen, die dein Herrgott dir mit köstlich duftenden Früchten aus seinem Wundergarten gedeckt hat, wie sie immer noch im Herrgottsparadies wachsen und reifen? Und dieses von Gott geschaffene Paradies kann nie ganz zugrunde gehen, der Mensch kann es in sich selbst wieder errichten, wenn er nicht von den „verbotenen Früchten“ isst.

Der Mann hält im Allgemeinen weniger auf Schönheit – die Ausnahmen übertreffen allerdings meist noch die „damische“ Eitelkeit um ein Beträchtliches, ja, es gibt Mannsbilder, die stinken vor Eitelkeit. In unserer schnelllebigen Zeit vertauscht der Mann schon sehr oft in den Dreißigern die „Liebe“, nachdem er in ihr des Guten zu viel und vielerlei getan hat, und nachdem er in fauler Behäbigkeit sich dick und fett gemästet hat, mit Genüssen in Bacchus und Lucullus. Er schwitzt und dampft beim Becher im Wirtshaus bis zur Gluthitze, im Dusel und Rausch heimgekommen, schwängert er schnarchend die Luft seiner Ehekammer mit den Düften modernder Bier-, Wein- und Leichengerüche, während sein armes Weib in Sehnsucht schmachtend nach den himmlischen Düften des Liebeszaubers bei Kindergeschrei wachen muss. – Die moderne, leider auch moderne deutsche Ehe!

Vom Typ abweichende Ausnahme-Ehen, glückliche, kinderfrohe Ehen wird ein Leben nach meinen Prinzipien schaffen: ein Liebesglück und Liebesleben, geregelt und bemessen nach den untrüglichen Gesetzen der Natur, also auch natürlich und nicht künstlich aufgezogen und gedüngt, kein Liebesrausch mit einem entsetzlichen Erwachen, das durch Fleischtopf und Schnapsflasche betäubt werden muss, wohl eine gesegnete, aber nicht eine verschrieene, gemiedene Kinderstube, in der der Arzt ein täglicher Gast ist. Ja, würden die Ehen nach meinen Grundsätzen geschlossen und gelebt, dann gäbe es der Ehescheidungen um 90 Prozent weniger, die Ehen wären wieder, wie ehedem im Himmel geschlossen. Die Treue an dem einen auserkorenen Lebensschatz würde Mann und Frau genügen, die Kämpfe und Reibungen im Leben, denen wir nicht auskommen, würden sich vermindern, und die gesunde, kräftige Nachkommenschaft würde Ehe und Werk krönen. Ist ein solches Dasein nicht verlockend? Die Liebe wird dabei, d. h. nebenbei, auch „durch den Magen gehen“ dürfen, aber meine Götterspeise muss es sein, die Liebe und Leben Inhalt und Duft gibt. Fürwahr, ein Eheleben, des Lebens wert und würdig!

Wer wissen will, was und wie ich über die „Liebe“ im Besondern denke und denken muss, der lies meine „Kranke Menschen“ und „Lebensfragen“, dort wird er in und zwischen den Zeilen finden, was von der alltäglichen Meinung abweicht, abweichen muss. Hier soll in erster Linie gesagt werden, wie meine Lebensweise verjüngend wirkt.

Die Alterssymptome entspringen der Hauptsache nach dem Mangel an jenen Vitaminen und Nährsalzen bei der eben falschen Lebensweise, die uns bei der richtigen Ernährung in den Früchten wie in den schleimfreien Gemüsen und Salaten so reichlich geboten werden.

Aber auch das sexuelle Unvermögen des Mannes, die Impotenz und die Unempfänglichkeit des Weibes sind in der Regel auf das Konto einer falschen Ernährung zu setzen. Es sind dies meist neurasthenische Leiden, die von der Medizin und auch von der Naturheilkunde ohne vorhergehende Schlackenentfernung und nachfolgender Fruchtdiät nur stümperhaft und auf kurze Zeit behoben werden können. Eine Radikalheilung von Dauerwert ist hier nur nach einer radikalen Umkehr auf dem Lebensweg möglich und denkbar.

Schon ein ganz großer, der größte deutsche Dichter, Goethe, gibt in seiner Vorahnung des ungetrübten Menschenglückes ein Verjüngungsrezept, wenn er in seinem Faust spricht:

„Gut! Ein Mittel, ohne Geld

Und Arzt und Zauberei zu haben!

Begib dich gleich hinaus aufs Feld,

Fang an zu hacken und zu graben,

Erhalte dich und deinen Sinn

In einem ganz beschränkten Kreise,

Ernähre dich mit ungemischter Speise.

Leb mit dem Vieh als Vieh und acht‘ es nicht für Raub,

Den Acker, den du erntest, selbst zu düngen;

Das ist das beste Mittel, glaub‘,

Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen!“ –

Ich muss meine Betrachtungen über die Mittel zur Verjüngung schließen, soweit sie überhaupt innerhalb einer kurzen Abhandlung gegeben werden können. Das Weitere, und wie man es macht, möge der willige Leser in meinen andern Büchern finden. Hier kann es mir nur darum zu tun sein, die Gründe für die Alterssymptome aufzudecken und auf die Mittel für ihre Abhilfe hinzuweisen.

Ich bin mir wohl bewusst, dass meine Worte viele taube Ohren finden und manches Kopfschütteln erleben werden. Es liegt mir ferne, die Welt bekehren zu wollen. „Mundus vult decipi!“ Die Welt will umschmeichelt, d. h. betrogen werden. „Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt“ und die wenigen Auserwählten werden den Spuren der Wahrheit folgend ihre Befriedigung und das wahre Glück finden, das nicht mehr von ihnen genommen wird.

Viele schaudern vor dem Beginn einer Radikalkur und vor der diametralen Lebensweise aus Angst zurück, sie könnten nun übertrieben schlank und mager werden, was ja in der heutigen Welt noch für hässlicher gehalten wird, denn übertrieben fett zu sein. Wird doch die Körper-Überfülle als geschmackvoll, gesund und als ein Zeichen von Kraft empfunden in dem Sinne, dass man mit solch einem Aussehen vor „Gesundheit strotze“.

Zuerst: Kein freies Tier hat ein Über-Fettpolster! Ich sage ausdrücklich freies Tier, denn die Haustiere sind, dank der Unvernunft ihrer Herren und Besitzer gleich diesen selbst Viel- und Allesfresser geworden. Nur das haben die Tierbeglücker noch nicht erreicht und werden es nicht erreichen, dass, wenn die Tiere wegen Überfütterung oder wegen fortgesetzter falscher Fütterung einmal krank geworden sind, noch weiterfressen werden. Ja, der Instinkt ist hier schärfer als der Verstand.

Wenn durch die Fastenkur und die auf Fruchtkost gesetzte Ernährungsweise zunächst eine magere, ja eckige Gestalt zum Vorschein kommt, so liegt das zum Teil darin, dass auch unser Knochengerüst kulturendartet ist.

Die griechischen Muskelmenschen sind in erster Linie sportlich gezüchtet, nicht aus der Ernährung allein herausgewachsen.

Die Natur ist übrigens ebenso gerecht als radikal. Nachdem sie das Faule aus dem Körper entfernt hat, baut sie wieder auf und weiß auch mit Obst, Nüssen, Naturhonig, kurz mit den von ihr gewollten Nahrungsmitteln, dem Körper den ersprießlichen Fettansatz zu geben.

Es bedarf eines starken Willens, von dem langgewohnten und breitgetretene Weg abzuweichen, den sacro egoismo niederzukämpfen, das Himmelreich in Ruhe, Frieden und Stolz auf sich selbst schon auf dieser Erde zu besitzen. „Nur die Gewaltigen werden es an sich reißen!“ Und erst wenn das Alte verdrängt ist, vollzieht sich die Wiedergeburt, die Auferstehung zu unverwüstlicher Jugend und Schönheit.

V. Teil: Fastenkunst und Ehretismus

von

Rhea Niesen

Vorwort.

Ich weiß, dass man es unzeitmäßig finden wird, zu erfahren, was ich zu sagen habe; aber gerade umso dringender muss ich es sagen.

Die Menschen von heute legen trotz aller Lehren, die ihnen die jüngste Vergangenheit gegeben, wieder das Hauptgewicht des Lebens auf „gutes“ Essen und Trinken.

Unter ihnen leben aber auch viele in Deutschland, die das Streben nach Vollendung haben, und für diese Suchenden schreibe ich. Es sind so viele Anfragen bei mir eingelaufen, wie ich, die durch Ehrets Schriften „Kranke Menschen“ und „Lebensfragen“ zur überzeugten „Ehretistin“ geworden ist, mich zum Ehretismus stelle, ob meine Meinung sich inzwischen geändert habe, dass ich nicht jedem Einzelnen antworten kann.

So will ich mein Erlebtes preisgeben, um den Suchenden in dieser Richtung zu helfen und ihnen Richtlinien zu geben.

Zunächst will ich bekennen, dass ich Ehrets Lehre bis zur letzten Konsequenz durchlebt habe und mich infolgedessen berufen fühle, etwas darüber zu sagen, und wenn es auch gewagt sein mag, über Fastenkuren bezw. Ehretismus zu schreiben, nachdem das deutsche Volk erst die gewaltige Probe des Hungernmüssens an seinem Leibe erlebte und noch immer erlebt. Aber für jene, die nach der Wahrheit allen Ernstes suchen, war der Boden für die Aufnahme einer Heilslehre noch nie aufnahmefähiger als jetzt.

Die Verfasserin.

Arnold Ehret, der Vorkämpfer für Obstdiät und schleimfreie Ernährung, hat 1913 in seinem Artikel „Was entscheidet den Krieg der Zukunft?“ genau vorausgesagt, was alles kommen würde für Deutschland. Er hat sich umsonst zu verschiedenen Malen angeboten, dem Preußischen Kriegsministerium den Beweis zu erbringen, dass man tagelang ohne Nahrung marschieren kann, ja die höchsten Marschleistungen in voller Ausrüstung zu vollbringen imstande ist, wobei für die ganze Zeit die von Ehret zusammengestellten Nahrungsmittel mitgetragen werden könnten. Er sagte voraus, dass die Ernährung des Massenheeres die entscheidende Rolle spielen würde. Die demoralisierende Wirkung des Hungers war das Ausschlaggebende für die Niederlage des türkischen Heeres auch im Balkankrieg.

Arnold Ehret, der Vorkämpfer für Obstdiät und schleimfreie Ernährung, hat 1913 in seinem Artikel „Was entscheidet den Krieg der Zukunft?“ genau vorausgesagt, was alles kommen würde für Deutschland. Er hat sich umsonst zu verschiedenen Malen angeboten, dem Preußischen Kriegsministerium den Beweis zu erbringen, dass man tagelang ohne Nahrung marschieren kann, ja die höchsten Marschleistungen in voller Ausrüstung zu vollbringen imstande ist, wobei für die ganze Zeit die von Ehret zusammengestellten Nahrungsmittel mitgetragen werden könnten. Er sagte voraus, dass die Ernährung des Massenheeres die entscheidende Rolle spielen würde. Die demoralisierende Wirkung des Hungers war das Ausschlaggebende für die Niederlage des türkischen Heeres auch im Balkankrieg.

Mein Wirken im Kriege bestand darin, so oft und so eindringlich zu sagen, wie ich vermochte: „Denkt nicht stets an Hunger! Wer Hunger stets im Munde führt und im Herzen denkt, zieht ihn herbei. Wer immer, immer wieder das Hungergespenst anruft, hat es zuletzt im Hause. Ihr leidet an Massensuggestionen.“ Durch Vorleben habe ich vielen Menschen über diese schwierige Klippe geholfen. Sie gingen nun wirklich überzeugt und beruhigter von mir, und es war mir die liebste Mission, immer wieder aufklärend zu wirken. Am meisten fürchten die Menschen das Magerwerden und das sogenannte „schlechte“ Aussehen. Sie bespiegeln sich zu oft und sagen sich gegenseitig zu oft: „Na, Sie haben aber abgenommen, wie sehen Sie elend aus!“ usw. Dies erzeugt im Nebenmenschen tatsächlich das Gefühl der Schwäche und des Elendseins. Doch will ich nicht bestreiten, dass man sich zunächst elend fühlt nach einem erzwungenen Fasten wie im Kriege, noch mehr, wie wenn man freiwillig fastet. Dieses Elendfühlen, diese Schwäche sind eine Folge unserer früheren Ess- und Küchensünden. Der Körper berichtet jetzt seine Sünden, die der Mensch, je nach der Belastung natürlich, schwerer oder leichter büßen muss.

Über freiwillige Askese sagt Görres: „Es ist die ernste, strenge, freiwillig übernommene Askese, aus der jene Scheidung hervorgegangen, nicht der Natur und ihren Einwirkungen hat der fromm Begeisterte notgedrungen sich hingegeben, aus freiem Willensentschlusse ist er in sich selbst bis zur tiefsten Tiefe seines inneren Lebens hinabgestiegen; und nachdem er zuvor durch jene Askese die Kraft der wiedergespenstigen Natur gebrochen, demütigt er sich vor Gott und öffnet sich in unbedingter Hingebung seinen Einwirkungen. Und nun ist es auch nicht die Natur, die sich, wie dort, mit ihm in Rapport versetzt, es ist die Gottheit selber; sie ist es, die in ihm jene ewigen Pole von Licht und Liebe hervorruft, die ohne Unterlass auf ihr tiefstes und innerstes Wesen deuten; und die Krankheit, die sich an diese innere Scheidung knüpft, ist keine natürliche, sondern eine heilige, mit Freiheit als Kreuz und Prüfung übernommen, und eben darum nicht bindend, sondern befreiend und vom Naturbau lösend. Und in diesem Rapport mit Gott wird die Seele von Stufe zu Stufe mehr und mehr gesteigert, und schnell über sich selbst und alle jene Kreise der Hellsehenden hinausgehoben, was diesen als der tiefste, in sich beschlossene, leuchtende Mittelpunkt erschienen. Das zeigt sich nun bald als einzelner Punkt in einer Peripherie höherer Ordnung, der im Innersten einem noch höheren Zentrum angehört, dessen Tiefen bei der Fortdauer der Gotteswirkung sich abermals erschließen und den Blick in eine noch höhere Mitte gestatten, bis endlich die Seele im engsten Verkehre, dessen sie empfänglich ist, nur Gott allein noch erkennt und er Wohnung in ihr genommen und sie seine Gedanken denkt und in allem seinen Willen gehorcht, der in ihrem Willen will, nachdem er sie zuvor von allen Banden des bösen Zwanges befreit. Hier also öffnen sich erst jene tieferen Himmel, die der Naturhimmel in sich beschließt; jene drei Seelenkreise, die die Betrachtung in jenem tieferen Zustande gescheut, zeigen sich nun als die symbolischen Andeutungen jener drei höheren Zustände, in die sich uns das höhere Leben der Heiligen aufgeschlossen. Ein anderes Heil als das leibliche wird Gegenstand der Sorge, eine höhere Rechnung beginnt, weil die Wurzelzahlen des Lebens ihre Exponenten in Gott gefunden, und um alles mit einem Worte auszusprechen: es ist esoterische Mystik, die sich hier begründet, im Gegensatze zur exoterischen, die im Hellsehen sich gestaltet.“

Der feine Mensch und große Maler Fidus sagte einmal über Askese: „Und nun ergibt sich der scheinbare Widersinn: die Genusssucht macht mich zum Asketen und der Gemeinsinn zum Künstler!“ – Das fordert wohl heutzutage eine Erklärung heraus. Was? – Die Genusssucht soll zur Askese, zur Abtötung führen und der Gemeinsinn zur Kunst, die doch bisher als der Ausdruck des eigenheimlichsten Gefühls angesehen wurde und obendrein als Feind der Askese! – Aber gewisslich! Hat nicht erst Nietzsche wieder einmal betont, dass alle Luft Ewigkeit will – tiefe, tiefe Ewigkeit? Das aber ist durchaus eine uralte Wahrheit, nach der schon die alten Götter sich einzurichten suchten! Welcher bessere Mensch wird es nicht auch heute nach Kräften versuchen. Askese! Das heißt ja gar nicht Abtötung wie beim Seligkeitsschacher der alten Kirchenmoral, wo künftige jenseitige Sicherheit, Ehre und Genuss durch irdische Selbstquälereien erkauft werden sollten, ja, wo man unter gleichdenkenden Glaubensgenossen beinahe alles Ersehnte schon bei Lebzeiten erlangte, wenn man sich halbwollüstigen Quälereien oder Scheindemütigungen unterzog. Nein, Askese beim selbständigen, aufrichtigen, heutigen Menschen, der nicht erst mit den Indern von „Karma“ zu reden braucht, um „seines Glückes Schmied“ zu werden – Askese ist bei ihm einfach Selbstzucht. Seine Lust will Ewigkeit, aber durch Erziehung und mehr noch durch Erfahrung hat er gelernt, dass der Genuss umso kürzer, das Aufhören umso schmerzlicher, je äußerlicher die Lust ist. So kommt es, dass der tiefe Mensch rascher einsieht, wie immer feinere und innigere Genüsse die früheren Lüste ablösen müssen, um zu stets sich steigernder Seligkeit zu kommen. Für ihn gibt es deshalb auch keinen Überdruss, keinen Verfall und kein Altern. Er lebt dem Glanz entgegen und selbst bei leiblichem Ungemache, dem Glücke des ewigen Werdens und Wachsens. Je maßloser nun sein Sehnen ist, je rascher und höher wird er steigen und nicht fallen, wenn er in der Zucht bleibt.“

Und doch ist diese Askese durchzuführen, nicht ganz so leicht, wie es scheint. Viel Selbstzucht gehört dazu, ein Höhersteigen muss auch erst erkauft werden. Viele möchten das Ziel wollen, aber nicht den Weg gehen. Sie möchten die Klippen und Gefahren überfliegen, statt mutig an sich zu arbeiten und sich erst zu opfern. Wer die übliche Gesundheit (im Gegensatz zur Gesundheit der Heiligen) vertauschen und die „Übergesundheit“ erlangen möchte, der muss durch das dunkle und einsame Tal der Buße, der Entkräftung, der Vereinsamung wandern, ehe er den Gipfel wahrer Gesundheit, Heilung und Heiligung zugleich erreicht. Diesen Weg scheuen so viele, ja, das ist nicht leicht, und ich kann verstehen, dass der Mensch scheu wird, auf halbem Wege stehen bleibt und später nichts mehr von „Fastenkunst und Ehretismus“ wissen will. Kann doch der Zustand des Unbehagens sich so weit steigern, dass der Mensch an Selbstmordmanie leidet, alles tragisch nimmt und in Angstzustände gerät, die oft zu einer Katastrophe führen. Man sollte es nie erzwingen wollen, sondern sollte sich prüfen, ob einem dieser Weg nicht zu schwer ist. Kranke wollen ihn oft gehen, wenn es schon zu spät ist, das ist falsch. Gesunde sollten ihn gehen, damit sie fast fliegen lernen. Und was die Hauptsache ist, man sollte nicht nur diese Lebensweise wollen, um gesund zu sein, sondern um Liebe spenden zu können. Es ist gar nicht zu sagen, wie viel Liebe das Obst gibt. Der heilige Chrysostomus nennt Askese „den Tod des Lasters, das Leben der Tugend, den Frieden des Körpers, den Schmuck des Lebens, die Quelle aller Kraft, den Schutzwall der Schamhaftigkeit, die Zuflucht der Keuschheit“, er kennzeichnet damit den Weg zum höchsten Ziele. Wer nicht im tiefsten Sinne religiös ist, der wird den Weg nicht machen können, er wird in seiner Einsamkeit nicht standhalten, denn er muss viel Nichtachtung, Verkennung, wenn nicht gar Spott und Hass ertragen können. Denn es ist nicht leicht, sich fast täglich sagen zu lassen: „Sie sehen ja schrecklich verhungert aus.“ Oder, weil der Atem übelriechend wird, ja der ganze Körper einen Ekelduft ausdünstet, und der jetzt zunächst freiwillig Kranke sich, trotz peinlichster Sauberkeit oft nicht davor schützen kann resp. andere davor schützen kann, dass sie die Kloakendüfte merken, dann von taktlosen Menschen darauf aufmerksam gemacht werden. Hierin sündigen die nächsten Angehörigen oft weit mehr wie Fremde, denn es ist so, dass, was man als Fremder nicht sagen würde, als „Freund“ sagt. Wie wird ein solch einsam um die höchsten Werte ringender Mensch oft gepeinigt. Seine Seele ist so empfindsam geworden, sie liegt gleichsam bloß, denn durch die freiwillige Reinigung des Körpers wird die Seele oft mit krank. Der sich Reinigende leidet unter fast steten Depressionen. Statt ihn aufzurichten, über diese Krisen hinwegzuhelfen, ja, ihn mit größter einfühlender Liebe zu umgeben, ihn geistig-seelisch zu stärken, verstößt die Umgebung oft in grausamster Weise gegen diese Regel, und macht das Wort wahr, „Gott schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden werde ich mir schon selber helfen.“ Anderseits zeigte mir meine Erfahrung, dass Menschen, die fasteten, zunächst von einer oft unerträglichen Reizbarkeit und egoistischen Gesinnung sind. Es ist, als wenn dann auch die Seele ihre geheimsten Fehler bloßlegte. Der Geizige wird geiziger, der Wütige wütender, der Neidvolle neidischer, der Empfindsame wird überempfindsam, denn es besteht ja eine große Wechselwirkung zwischen Leib und Seele. Dies empfinden oft junge Liebende instinktiv. Ein Mann, der ein reines sanftes Mädchen liebt und auch ehelichen will, wird, wenn er sonst unmäßig war im Essen und Trinken, Rauchen, etc., sich in der Zeit des Werbens nüchterner und mäßiger halten. Er betrinkt sich nicht, er isst sogar wenig, und magert ab wie fast alle Liebenden, die auf solche Art gleichsam ihren Körper purifizieren, damit die Seele der Geliebten ein sauberes, gelüstetes Haus findet, darin jeder Geruch von alten Sünden und Ausschweifungen vertilgt ist. Wenn später die Liebe erkaltet, wird für die Liebe Essen gesetzt. Große Menschen waren fast stets mäßig im Essen und Trinken. Alle Religionsstifter waren große Faster. Wollen wir wenigstens bessere Menschen werden, so sollten wir sehr mäßig im Essen und Trinken sein. Ich esse seit Jahren immer nur dieselben Sachen, Obst obenan, dann Salate, geriebene Nüsse, Brot. Brot ist allerdings nicht ehretistisch, ich verwerfe es selbst und weiß, dass Ehret recht hat – empfinde ich es meistens doch sofort, wenn ich es gegessen habe; ein leichter Schleier senkt sich über mein Gehirn schon nach einer einzigen Schnitte. Als es in Deutschland noch Südobst billig und viel gab, habe ich nur von Obst gelebt. Und habe mich nie im Leben wohler gefühlt, ja wie ich zuletzt nur von Datteln lebte, alle Tage ein Pfund, dabei oft sogar zwischendurch 2-3 Tage fastete, nachdem ich mich gänzlich gereinigt, empfand ich erst, was Leben heißt. Ich muss zu starken Worten greifen, um den Zustand meines damaligen Empfindens zu schildern, es war eine seraphische Freude, die mein ganzes Sein durchflutete, mein Gehen war gleichsam ein Tanzen. Der Krieg hat mir diesen ewigen Freudentag zerstört. Doch es war mir noch viel geblieben, und nie habe ich gefühlt, trotz der so sehr beschränkten Nahrungsmittel, dass ich „hungerte“, weil ich die Gesetze kannte. Die meisten Menschen sind wohl so erdenschwer, weil sie zu viel essen. Wir könnten viel weniger essen, nur gerade, was notwendig ist, man sollte sich nicht dazu hinsetzen und auftragen lassen. Die Menschen wären bei Mäßigkeit viel schöner, freier und feiner. Und wie viel Zeit wird verschwendet mit dem vielen Einholen, Zubereiten, Kochen, Tischdecken, Geschirr- und Töpfeauswaschen? Man denke einmal nach, wie viel andere Freuden wir uns dafür kaufen können, wie viel andere und höhere Genüsse man sich verschaffen kann oder könnte, wenn diese Dinge soviel wie möglich wegfielen? Streng genommen brauchte man überhaupt eine Küche und Küchenkunst nicht. Im Sommer schon gar nicht. Am Morgen fastend bis Mittag, am Mittag ein Schälchen Obst für jeden. Wer mehr haben möchte, etwas Brot und Salat. Das Brot möglichst altbacken. Doch der ganz Hochentwickelte braucht oft nur eine Mahlzeit am Tage, gegen Abend, besonders dann, wenn er bereits rein gefastet nur von Obst lebt, denn Obst enthält alle Energien, die der Mensch zum Leben braucht. Selbstverständlich spreche ich hier nur zu Menschen, die das Ganze erfasst haben, denn bekehren will ich nicht, nur denen meine Erfahrung mitteilen, die danach Verlangen tragen. Wer noch nach Tafelfreuden Verlangen trägt, soll seinen Essgelüsten Folge leisten. Wer aber in die Tiefen des Lebens eindringen, wer Weisheit, Gesundheit und Lebenskraft sich erringen will, der prüfe sich und ringe sich durch! Kann er den Gipfel nicht erreichen, so begnüge er sich mit bescheidenen Erfolgen, schelte aber nicht neidisch auf die, die lächelnd und siegend oben angekommen sind. Oder, ebenso verkehrt, er schelte nicht den Berg wegen seiner Schwierigkeiten, die er bietet, sondern gestehe sich selber ein, „ich war zu willensschwach dazu“. Will ein Mensch diesen Weg beschreiten, so muss er glauben an Gott, an die Menschen, an sich selbst, und den Glauben haben an seinen Glauben. Wenn schon das Selbstvertrauen stärkt und fördert, so ist der Glaube viel höher, größer und fördernder. Der Glaube erhebt den Geist in das Bewusstsein unserer höheren Möglichkeiten und verdoppelt so die Wirksamkeit unseres Willens. Das Beste in uns wird in Tat umgesetzt durch unsern Glauben. Man darf nicht erwarten, dass die Dinge von selbst kommen, man muss sie erglauben, gläubig das Ziel vor Augen, bis es zum günstigen Ende geführt wird. Man sollte auch immer festhalten im Geiste: Was ich jetzt tue, kann dazu dienen, das Leben Tausender zu erheben. Denn wenn erst einige Menschen gestärkt werden durch diesen reinen Lebenswandel, wird es immer größere Kreise nach sich ziehen. Unsere gläubig auf das Ziel (in diesem Falle höchste Gesundheit) gerichteten Gedanken ziehen die Dinge herbei. Nietzsche sagt: „Das Wesentliche, im Himmel und auf Erden, wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass lange und in einer Richtung gehorcht werde. Dabei kommt und kam auf die Dauer immer etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf Erden zu leben.“ Wer also das asketische Leben will, muss nicht nur glauben – er muss alles in Gedanken herbeiziehen, was irgendwie dazu dient, ihm dies Leben verwirklichen zu helfen. Peter Altenberg sagt mit Recht: „Melancholie jeglicher Art ist das Gefühl der Unfähigkeit, den Weg seiner Ideale zu Ende gehen zu können! Deshalb machen sich die, die sich schwach fühlen, vorzeitig künstliche nahegelegene Ideale, um ihren Melancholien entrinnen zu können!“ Dies möchte ich auf jene beziehen, die nie ganz fertig werden, die auf halbem Wege stehen bleiben. Der Vegetarier steht ethisch höher wie der Fleischesser, denn er hindert das Blutvergießen der Tiere. Wenn er aber zu viel isst und dickende statt ausscheidende Speisen isst, womöglich seinen Stolz darin sieht, dickere Kinder und selbst dickere Backen zu haben, die man durch reichliche Mengen Grütze, Hafer, Brot, etc. sich heran essen kann, so könnte er ebenso gut was Gesundheit anbelangt, ein Allesesser sein. Oder, was auch der Fall sein kann, es findet ein fortwährender Ausscheidungsversuch im Körper statt und es entstehen periodische Schwächezustände, die dann als Unterernährung gedeutet werden. Das wird abschreckend wirken und klagend sagt sich ein solcher: „ach, ich erreiche es nie“, und erzählt nun auch andern, es sei das nichts mit der Askese. Christus sagt Ev. Matthäi: „Wenn Ihr fastet, sollt ihr nicht sauer sehen wie die Heuchler, denn sie verstellen ihre Angesichter, auf dass sie vor den Leuten scheinen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage Euch: sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, auf dass du nicht scheinest vor den Leuten mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, welcher verborgen ist, und dein Vater, der in das Verborgene siehet, wird dir’s vergelten öffentlich.“ Am besten reinigt man sich, wenn man erst einmal in der Woche fastet. Dann ansteigend zweimal in der Woche. Allmählich weitergehen ist besser wie zu schnell, denn wer zu schnell vorwärts geht, reißt gleich zu viel Schleim mit einem Male auf, der kreist im Blute und kann nicht beseitigt werden, schafft die Depressionen. Viel Linderung kann ein Schluck Zitronenwasser ab und zu schaffen. Oder etwas warmer schwacher chinesischer Tee, der die gesunkenen Geister etwas belebt. Doch nur als Hilfsmittel, nicht zur Gewohnheit werden lassen. Man sollte sich selbst in Stimmung setzen. Statt wie zum Begräbnis sollte man aussehen, wie wenn man zur Hochzeit wollte. Später wird uns das Leben wirklich zum Festhaus. Dann geht es uns wie Hega, die das reizende Fastengedicht schrieb (folgt unten). Nun gibt es einen Versucher, er heißt Wohlgeschmack. Ja, der Granitblock Geschmack ist am schwersten zu überwinden. Doch hat man sich einmal mit ihm in Kampf eingelassen, so muss auch er weichen. Wir essen ja meistens nur deshalb mehr, weil es noch schmeckt, als um satt zu werden, denn das Bedürfnis des Körpers ist eher befriedigt als die Geschmacksnerven. Letztere beherrschen uns, nicht wir sie. Der Geist sollte aber die Materie beherrschen lernen. Natürlich erfordert dies Willenskraft, aber „Tun wächst am Tun, Taten gebären Taten“ (Willy Schlüter). Wir tun aber oft nicht, was wir erkennen, sondern tun das, was die andern um uns tun. Dr. Bircher-Benner sagt: „Es ist die Summierung beständig sich wiederholender kleiner Überschreitungen des Maßes und die Schädigungen durch Bestandteile der täglichen Nahrung, welche die Menschheit mehr dezimiert als wie Tuberkulose und Syphilis.“ Wenn wir an Appetitlosigkeit leiden und uns eine Stimme mahnt, nicht zu essen, so greifen die Meisten zu Reizmitteln, den Magen zu zwingen, Nahrung wieder aufzunehmen. Der arme Magen ist dann unser Sklave – aber wie alle Sklaven, die unterdrückt sind, er rächt sich irgendwie, mit Sodbrennen, Geschwüren, Krebs usw. Wehe, wenn wir der Stimme der Natur kein Gehör schenken! Schmerzen uns die Zähne, die nur schreiend uns warnen, den Kauakt und die Nahrungszufuhr einzustellen, was tun wir? Wir essen weiter, zwingen den Zahn zur Arbeit. Und er rächt sich, der arme Sklave. Dafür reißt man ihn dann heraus. Um den andern Zähnen nun die Mehrarbeit aufzubürden, bis auch diese rebellieren. Dann tötet man den Nerv. So hat er keine Stimme mehr, denkt man. Dafür rächt er sich durch Wurzelhautentzündung. Nun kommen sie alle heraus. (Leider muss ich gestehen, dass ich fast alle meine Zähne so verlor, ehe ich die Wahrheit erkannte.) Nun schmerzt der Hals. Er will anzeigen, hier soll nichts vorbei. Was tut man? Man isst unter Schluckbeschwerden, oder lässt sich die Nahrung solange eingeben, bis der Hals ganz zu und man am Ersticken ist. Dann wird oft noch zum Luftröhrenschnitt gegriffen. Als ob es davon abhinge? Was wir essen, ist ja nur die Einführung der Nahrung in den Magen. Die Menschen glauben so fest, dass sie davon leben, was sie essen, und bedenken nicht, dass es doch davon abhängt, was sie verdauen.

Dewey, Ricklin, Möller haben alle zur Aufklärung hierüber viel getan und geschrieben. Dewey hat viel Schmähungen und Verdächtigungen auf seinem Pfad gefunden. Doch unbeirrt holte er Kraft aus der inneren Glut einer neuen, oder neu entdeckten Wahrheit, denn das Fasten selbst ist schon so alt wie die Welt. Das war Heldentum. Und wie alle Helden ist er so bescheiden in seinen Ausführungen. Doch hat wohl keiner sein Leben so oft eingesetzt wie Ehret – das Wort wahrmachend – „Und setzet Ihr nicht das Leben ein, nie wird Euch das Leben gewonnen sein.“ Ehret hat auch seine Wahrheit nicht ganz spielend gefunden, er hat sie schwer erkauft, wie sein Artikel „Ein 49tägiger Fastenversuch“ uns zeigt. Wie grausam, dass ihn eine höhere Macht uns entrissen hat! Wie werden seine Getreuen nun erst recht an seinen Büchern als Vermächtnisse eines unvergesslichen Menschen hängen. Und getreu waren ihm mehr, wie er selbst ahnte. Und auf Massen rechnete auch er nicht, er wollte nur den Menschen; die Menschheit, das wusste er, war nicht zu gewinnen.

Durch die erzwungene Mäßigkeit ist bereits viel Krankheit beseitigt. Man probiere nur mal, wie köstlich ein einfaches Essen schmeckt nach einem Fasten. Man sollte nie so viel essen, dass man nachher mit Müdigkeit zu kämpfen hat. Aber während des Fastens, wenn andere essen, nicht zusehen, sondern sich hinlegen, ausruhen, denn Schlaf stärkt mehr wie Essen. Doch nach Obstnahrung wird man nicht schläfrig, das Kulturessen macht müde. Ja, man kann erleben, dass man auch eine Bettflucht hat. Dann zeigt der Körper an, er bedürfe auch der Ruhe nicht mehr. Man kann dann viel mehr leisten als andere. Zunächst ist wohl der schlimmste Übelstand das Frieren. Man leidet an kalten Füßen, da heißt es warmhalten. Also Ruhe, Liebe, Wärme sollten den Fastenden umgeben. Und guten Zuspruch, wenn der Mensch einmal kleinmütig wird. Darum wende man sich, falls man sich selbst nicht traut, an einen guten Fastenarzt. Und lese Bücher der Obengenannten, besonderes Ehrets Bücher „Kranke Menschen“ und „Lebensfragen“, denen sich „Lehr- und Fastenbrief“ und „Verjüngung auf natürlichem Wege“ als neu dazugesellt haben. Ein jeder sollte es dazu bringen, dass er sein eigener Arzt wird, ja man kann in sich entwickeln, was ich „Nahrungsinstinkt“ nenne. Um diesen zu entwickeln, ist Reinigung nötig. Der gereinigte Körper ist weit besser imstande, schönes Obst zu würdigen und auszunutzen als der Körper mit Schleimnahrung und Surrogaten angefüllt, der nur als Luxus oder Naschzugabe einmal etwas Obst bekommt. Man hört dann oft den Einwand: „ich kann kein rohes Obst vertragen“. Es erzeugt bei diesen Menschen starken Durchfall oder Übelbefinden, Säurebildung und oft Schwäche. Sie schieben dann alles auf das Obst, während es in Wirklichkeit die Schleimmassen sind, die mit dem Obste sich verbindend, dieses Übel schaffen. Hier sollte eine Übergangsdiät zunächst einsetzen, schleimfreier Nahrung den Weg ebnend, dabei das Ziel immer im Auge behaltend. Schleimfreie Nahrung ist leichter zu beschaffen wie Obstdiät zurzeit. Längere Zeit genossen, bahnt sie den Weg zum Obst, und dient dem Körper durch allmähliches Abbauen der Schleimmassen im Körper. Hilft auch die, durch Kulturnahrung erweiterten Därme zur richtigen Weite sich zurückbilden. Der Übelstand der überspannten Därme und des überweiteten Magens wird meistens schon in der Jugend gelegt. Man verabreicht dem Kinde, wenn es schreit, stets in der irrigen Meinung, es sei Hunger, die Brust bzw. Flasche. Später ebenso, während oft nur ein Kind schreit, weil es zu voll ist und sich unbehaglich fühlt, und dennoch wird dem armen Wurm die Flasche oft aufgezwungen, während ein Umlegen, Rücken- und Magenstreichen oft die überflüssigen Gase entweichen lässt und dem Kinde Luft schafft. Oder es werden einem weinenden Kinde seine „Artigkeiten“ abgehandelt, indem man ihm Süßigkeiten verabreicht, statt es ins Bettchen zu legen. Meistens ist ein solches Kind nur müde und jedes Essen füllt den Kleinen noch mehr, macht müder, weitet die Därme und lässt diese, an ewige Verdauungsstörungen leidenden Kinder sich und andern zur Plage werden. Ein Kind hungert nicht freiwillig, es meldet sich schon, und oft genügt ein Gläschen Obstsaft zu trinken; Durst wird mit Hunger gar oft verwechselt.

So mästet man auch die Lungenkranken, gibt ihnen möglichst schleimreiche Kost, ohne zu bedenken, dass der arme Kranke nun erst recht viel Schleim aus der Lunge aushusten muss. Er wird aufgepäppelt von liebenden Verwandten und gelobt für jedes Gramm Zunahme, als wenn er dadurch gerettet wäre. Jedoch will ich nicht bei vorgeschrittener Schwindsucht zum Fasten raten, es gibt auch eine Grenze des Heilbaren. Den Gesunden will ich vielmehr zeigen, wie man seine Lunge vor dem Krankwerden bewahren kann.

Als ich, vom englischen Dampfer August 1914 gefangen genommen, ins Gefängnis kam, wurden die Gefangenen auf ihren Gesundheitszustand untersucht. Der Arzt, Engländer, behorchte meine Lunge und mein Herz und sagte zu mir: „Sie sind eine glückliche Frau (most fortunate woman), Ihre Lunge und Herz arbeiten ohne jedes Nebengeräusch (sound as a bell), und Sie haben keine einzige Hypothek auf Ihr Haus.“ Er verweilte längere Zeit dabei, weil, wie er sagte, es ihm ebensolchen Genuss biete, wie wenn ein Gärtner eine ursprünglich ihm unbekannte Blume entdeckt, da er nie dergleichen begegnet sei. Und dies, nachdem ich jahrelang streng Ehrets Lehre, Obstdiät und Fasten befolgt hatte, am Bord 9 Tage fastend, im Gefängnis 3 Tage. In England musste ich bis Ende August bleiben, wobei ich wieder dadurch vorwärts kam, dass ich mich wenig oder gar nicht ums Essen zu kümmern brauchte.

Die Schriftstellerin M. L. Jürges-Hega sagt über Askese und Genuss: „Nur Askese kann uns retten. Die Üppigkeit führt geradenwegs in die Hölle, wie die Enthaltsamkeit in den Himmel der Selbstbewusstheit. Es sind Schillers beide Wege: „Hoffnung und Genuss.“

„Wer dieser Blumen eine brach, begehre

die andre Schwester nicht; die Lehre

ist uralt wie die Welt.

Genieße, wer nicht glauben kann;

wer glauben kann, entbehre.“

Ein einziger Schritt abseits vom selbstgewählten Pfad wirft uns tausende von Meilen zurück. Die Früchte unserer Errungenschaft gehen uns wieder und wieder verloren. Der ganze mühsame Aufstieg war umsonst und muss von vorne versucht werden. Ist das nicht grausam gegen uns selbst, wenn wir uns vom Dämon verlocken lassen, unserm guten Engel untreu zu werden? Wohl wird uns doch nie mehr auf dem breiten Wege der Üppigkeit, der bequem, und ach so verlogen ist, aber so verführerisch. Wie ist der erste Schritt so bald getan und der zweite folgt ihm unversehens nach, wenn wir nicht wachbleiben und das Ziel aus dem Auge verlieren. Z. B. nach der Gehaltszahlung, wenn wir uns „was leisten wollen“, weil wir so lange entbehrten. Der Teufel ist ein „Jesuit“. Dann heißt es hart sein. „Ganz hart ist allein das Edelste“, sagt Nietzsche. Und Shakespeare: „So weit sein ist noch nichts – doch sicher so sein.“ Nur Askese kann uns retten! Hega singt so schön:

Fastenreigen.

Fasten! Heilige Fastenzeit!

Wirf mir über dein Schwanenkleid;

Zart und weiß wie fallender Schnee,

dass ich wandele wie eine Fee.

Fasten! Selige Fastenzeit!

Schenkst du mir drauf dein Flügelkleid,

schweb‘ ich als Engel durch die Welt –

keine Schranke mehr, die mich hält.

Fasten! Erlösende Fastenzeit!

Darf ich erst tragen dein Sonnenkleid,

wann erst die Herrschaft der Sinne zu Spott –

bin ich ein tanzender, siegender Gott.

Fasten! Liebliche Fastenzeit!

Blühend umhüllt mich dein Pfingstenkleid.

Alles, was träg ist und grässlich und dumpf,

ruht schon dahinten im faulenden Sumpf.

Fasten! Sonnige Fastenzeit,

hilfst du mir weben mein Sternenkleid

von diamantenstreuender Pracht,

zum Diadem für die Königin der Nacht?

Sonne und Sterne und Blüten und Duft

Füllen die Stunde und tränken die Luft,

tanzen im goldigsten Strahlenkleid

Feentänze auf Erdenleid.

Ja, wird mancher denken, ist denn lukullisches Essen nicht wiederum auch etwas Schönes, macht es nicht glücklich? Für diese Frage habe ich die Antwort, es mag Euch Glück erscheinen, es ist wie eine Schale ohne Kern. Man fastet, um gesund, froh, um elastisch zu werden, um sich zu verschönen, zu verjüngen und sein Leben zu verlängern, oder um sich geistig zu erhöhen, zur Aufnahme feinerer Sinneswahrnehmungen bereit zu machen, seinen Willen zu festigen oder – wie heutzutage, um zu sparen. Und endlich, um unabhängig zu werden. Die meisten wenden ein: „Essen gibt Kraft!“ Wie erklärt man die Tatsache, dass der bekannte Hungerkünstler Succi während seiner Fastenübungen wohl an Gewicht und Körperlänge abnimmt, aber nicht an körperlicher Kraft und Gelenkigkeit verliert, was der größte damalige Psychiater Berlins, Prof. Dr. Eulenburg, genau geprüft hatte? Während seiner 45tägigen Fastenzeit in New York 1890 fiel sein Körpergewicht von 147 ½ Pfd. auf 104 ¾ und seine Körperlänge nahm um einen halben Zoll ab; während der Fastenzeit war jedoch durch Versuche, die der Arzt mit dem Dynamometer und dem Spirometer gemacht hatte, festgestellt, dass die Muskelstärke seiner rechten Hand und die Kraft seiner Lungen zugenommen hatten. Bei Beginn seiner Hungerzeit verzeichnete das Dynamometer auf den Druck von Succis Hand 47 Kilo und durch das Spirometer wurde die Kraft seiner Lunge auf 1450 Kubikzentimeter festgestellt. Am 12. Fasttage verzeichnete das Dynamometer unter dem Einfluss von Succis rechter Hand einen Druck von 60 Kilo und das Spirometer ließ eine Steigerung der Lungenkraft auf 1750 Kubikzentimeter erkennen. Es sind das Leistungen, die von wenigen Männern von durchschnittlicher Körperkraft unter normalen Verhältnissen erreicht werden können. Es ist ihm auch nicht darauf angekommen, in New York am 22. Fastentage in Begleitung der Herren, die seine Beaufsichtigung übernommen und ihn während der ganzen Zeit nicht außer Augen gelassen hatten, einen Spazierritt von 8 Meilen zu unternehmen, der auf sein Allgemeinbefinden nicht den geringsten nachteiligen Einfluss ausgeübt hat. Noch am 44. Fastentage focht er mit Erfolg einige Gänge mit dem Stoßdegen und schwamm einige Stunden im Wasser umher.

Warum verbraucht ein indischer Kuli zehnmal weniger Nahrung, (also chemische Energiezufuhr nach der Schulmeinung) wie sein englischer Herr und leistet trotzdem zehnmal mehr an Muskelkraft als dieser?

Es kann für den Einsichtigen nicht verborgen bleiben, dass es nicht unwichtig ist, wie man seinen Körper ernährt. Unbestreitbar aber ist, dass die raue Hand des Krieges unsere ganze Heilwissenschaft noch viel entschiedener in eine ganz bestimmte Richtung gewiesen hat, als es für den Einsichtigen schon die Erfahrungen früherer Zeit getan haben.

Diese Lebensweise bringt Freiheit. Man schreit heute nach Gesundheit, Freiheit, nach Ruhe und Frieden. Alles dieses kann uns werden, wenn wir an uns arbeiten, und dieses kann am besten dann einsetzen, wenn wir anfangen, den Ernährungssünden zu steuern. Das Ideal, vollkommene Gesundheit, göttliches Sein soll unser Ziel sein. Dazu muss man den Geist auf das Ziel setzen, den Willen mobilmachen, die Seele stärken, indem man glaubt und hofft, um dem Geist die Vorherrschaft zu geben. Während der Mensch die Materie beherrschen lernt, dient das Fasten zunächst als äußerliche Zucht. Der erste Versuch kann die Freude am Tun so sehr stärken, dass der Wunsch, den zweiten Versuch zu wagen, bald rege wird. Man kann die Freude am Fasten ebenso in sich erzeugen wie die Freude am Essen, nur beschenkt uns die Freude am Fasten mit einem seligeren Gesundheitsgefühl wie die am Essen. So bereite ich jeden Tag das ganze Essen für meine Familie, für meinen Manne sogar Fleischspeise, ohne je Verlangen zu tragen, davon zu essen. Es existiert einfach nicht für mich, da ist gar nicht Platz in meinen Gedanken für Kartoffeln, Breie und Mehlspeisen. Man schalte in seinen Gedanken einfach um, setze für Fasten – Fett statt Hunger.

Die Losung ist also: Baut Obst, hört auf die Mahner! Der alte Degenhard in Dresden hat schon seit 1879 die Notwendigkeit der Obsterzeugung gepredigt. Er ist in Wort und Schrift immer wieder dafür eingetreten. Gleichgültigkeit und Lachen tötet zwar nicht die Wahrheit, sie hält aber die Wahrheit zurück und lässt sie nicht leben. Ich möchte auf den Vorkämpfer aufmerksam machen, der schon so früh das Gartenbauzeitalter herankommen sah.

„Willst du Ideen verbreiten, knüpf‘ an Gestalten du an. Was des Realen entbehrt – bleibt ideales Geschwätz.“

(Schiller.)

Es ist auch nicht unwichtig zu erwähnen, dass die Ehret’sche Lebensweise sehr günstig auf die Denkarbeit wirkt. Byro wusste dies, er erklärte, dass jedes bisschen Mehressen ihn „dull“, also stumpf, mache. Gustav Meyrink lässt eine seiner Gestalten im Golem sagen (ich zitiere frei): Ich glaube, wir müssten erst lange fasten, um die Dinge besser erkennen zu können, es ist, als wenn etwas in uns zugeschüttet ist. Alban Stolz sagt: „Wer eine schwere geistige Arbeit zu verrichten hat, sollte sich, wenigstens auf kurze Zeit, vorher der Nahrung enthalten. Es versetzt mich diese Nahrungslosigkeit in einen Gefühls- und Gedankenzustand, wo die Seele wie berauscht ist von Lebensgefühl und in geistiger Hochluft sich wiegt. Es ist, wie wenn die Seele und das Leben viel höher und mächtiger flammten und als wäre viele Nahrung gleichsam Dung, der auf die Flamme geworfen wird und sie mehr oder weniger erstickt.“ Sehr eingehend schildert der Mystiker Dionysius im 5. Jahrhundert die drei Stadien. „Die Reinigung führt das Außenbewusstsein zur Erleuchtung, die Einweihung das Innenbewusstsein zur Einswerdung mit Gott. Dann gelangte der dreieinige Mensch zur Vergottung.“ Allen Menschen möchte ich raten dürfen: „Kämpft für ein freies Volk auf freiem Grunde.“ Goethe erblickte eine neue Menschlichkeit, der „das Obst nicht weit ist“. Im Faust Bd. 2 heißt es:

„Pan schützt sie dort, und Lebensnymphen wohnen

In buschiger Klüfte feucht erfrischtem Raum.

Und sehnsuchtsvoll nach höheren Regionen,

Erhebt sich zweighaft Baum gedrängt an Baum.

Altwälder sind’s! Die Eiche starret mächtig,

Und eigensinnig zackt sich Ast an Ast,

Der Ahorn mild, von süßem Safte trächtig,

Steigt rein empor und spielt mit seiner Last.

Und mütterlich im stillen Schattenkreise

Quillt laue Milch, bereit für Kind und Lamm;

Obst ist nicht weit, der Ebnen reife Speise,

Uns Honig trieft vom ausgehölten Stamm.

Hier ist das Wohlbehagen erblich,

Die Wange heiter wie der Mund,

Ein Jeder ist an seinem Platz unsterblich,

Sie sind zufrieden und gesund.

Und so entwickelt sich am reinen Tage

Zu Vaterkraft das holde Kind.

Wir staunen froh: noch immer bleibt die Frage:

Ob’s Götter, ob es Menschen sind?

So war Apoll den Hirten zugestaltet,

Dass ihm der schönsten einer glich,

Denn wo Natur im reinen Kreise waltet,

Ergreifen alle Welten sich.“ –

Goethe predigt auch die „ungemischte Speise“, wenn er sagt:

„Begib dich gleich hinaus aufs Feld,

fang an zu hacken und zu graben,

Erhalte dich und deinen Sinn

In einem ganz beschränkten Kreise,

ernähre dich mit ungemischter Speise.“

Er verspricht, dass es das beste Mittel sei, „Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen.“

Anmerkungen

[←1]

Natürlich muss auch jeder gesunde Organismus einen gewissen Schleim enthalten, die Lymphe, eine Fettsubstanz schleimiger Art des Darmes usw

[←2]

Altern ist latente Krankheit, siehe Metchnikow und das spätere Kapitel: Ursachen von Krankheit und Ergrauen der Haare, das früher im Selbstverlag des Verfassers gesondert erschienen ist, aber in dies Buch vollständig aufgenommen wurde.

[←3]

Schleimarme Pflanzenbouillon, Kraftsuppe, Heilaroma, Fastentrank usw. Nur bei Fr. A. Kummer, Biandal-Werk, Köln-Sülz und in den einschlägigen Reformgeschäften zu haben.

[←4]

Anmerk. d. Verf.: Weil Frauen im Allgemeinen einfacher leben als Männer und die Haare nicht schneiden lassen.

[←5]

Herr Oberstabsarzt Dr. Katz, Besitzer und Leiter der Naturheilanstalt Hohenwaldau in Dergerloch bei Stuttgart, ist gegenwärtig unbestritten die erste fachmännische Autorität der fortschrittlichen Naturheilkunde und hat speziell in Fasten- und Diätkuren über 20-jährige Praxis.

[←6]

Professor in Paris, berühmt durch seine Forschungen über die Ursachen des Alters.

[←7]

Dass Alkohol beim Fleischessen als „Gegengift“ wirkt, ist richtig. Umso mehr Grund hat der Abstinent, den Fleischgenuss aufzugeben. Denn der Vegetarier hat das „Gegengift“ nicht nötig. Dr. Gelß

[←8]

Der Artikel „Also spricht die Krankheit“ zeitigte einen Offenen Brief an A. Ehret, den dieser wieder mit einem solchen erwiderte. Um letzteren verständlich zu machen, ist es notwendig, auch den ersteren abzudrucken.

[←9]

Der Schleim ist ein Fremdstoff, ein Stoffwechselprodukt, das der Körper auszuscheiden sucht, sobald man ihm kein Hindernis in den Weg legt. Das Vergiftende, Krankmachende des Schleimes ist also, und allerdings zunächst, mechanisch physiologisch, dass die seinen Kapillaren verstopft werden (pathologischer Herd, Krebs, Geschwür, etc.). Vom chemischen Standpunkt aus enthält dieser Schleim pflanzliche und tierische Stickstoff-Moleküle, die in einer gewissen Flüssigkeit, die im wesentlichen Wasser ist, schwimmen. Diese Stickstoff-Moleküle unterliegen natürlich, außerhalb wie innerhalb des Körpers, einem Zersetzungsprozess, der Fäulnis, wissenschaftlich, chemisch gesprochen. Sie werden in ihre Bestandteile zerlegt und bilden neue Körper, von denen Hensel mit chemischen Formeln nachgewiesen hat, dass es Cyan-Derivate sind (Cyan-Blausäure). Hensel wirft mit giftiger Ironie den Bazillengelehrten vor, dass das, was sie Bazillen nennen, eben giftige Cyanverbindungen sind. Soviel ist sicher, dass Cyanverbindungen gebildet werden, wenn Fleisch verfault (Leichengifte). Auf Grund meiner bescheidenen chemischen Kenntnisse glaube ich aber, dass die Sache so liegt: Es wird Cyan frei, und es bilden sich in diesem Fäulnisstadium neue Keime, neues Leben, vielleicht sogar tierisches, denn das Problem der Urzeugung, für das Hensel eintritt, ist noch nicht gelöst. Das Schlimme, das eigentlich Vergiftende, Krankmachende, sind nicht die Bazillen selbst, sondern ihre Stoffwechselprodukte, wie diese Gelehrten neuerdings behaupten, und was ich selbst im Hörsaal wiederholt gehört habe, und diese giftigen Stoffwechselprodukte der Bazillen werden also wahrscheinlich das Henselsche „Cyan“ sein.

[←10]

Siehe Einschlägiges in „Kranke Menschen“ und „Lebensfragen“.

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ISBN: 978-3-7427-3421-1

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